Die raffinierten Strategien der Heuschrecken. So greifen private Investoren in das Gesundheitssystem ein.

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In Deutschland gibt es 75 zahnmedizinische Versorgungszentren in Hand von privaten Investoren oder Private Equity-Fonds. Vor zwei Jahren waren es zwei. Dasselbe gilt für die PHC: Mehr als 60 gehören Investoren. Diese gehen raffiniert vor: Sie kaufen marode Kliniken auf und diese Kliniken wiederum beteiligen sich mehrheitlich an Gruppenpraxen, indem Klinikärzte sich in Gruppenpraxen einkaufen – mit dem Geld der Investoren natürlich.

Das sind die Schattenseiten des Gesetzes, wonach Ärzte Ärzte anstellen können. In Österreich sind wir noch nicht so weit, dass sich erlösmaximierende Investoren klammheimlich in das System einnisten. Die Gefahr besteht aber sehr wohl und dagegen muss man sich wappnen. Zunächst, indem man die Autonomie – und Selbstbestimmtheit – der Ärzte und der Ärztekammer stärkt und nicht schleichend untergräbt, wie es den Anschein hat.

Die derzeitige Bundesregierung hat offensichtlich wenig Scheu vor einer Privatisierung der Gesundheitsversorgung und des -marktes. In der Sozial- und Krankenversicherung hat sie ihre Position indirekt deutlich gestärkt.

Wenn nun die Sozialversicherung die geplanten PHC betreibt und übernimmt, ist zumindest ein Türspalt für eine indirekte Einflussnahme von Drittinvestoren geöffnet.

Im Krankenhaussektor ist dies bereits der Fall. Private Unternehmen – paradoxerweise Versicherungen, die damit Leistungsanbieter und Prämienkassierer in einem sind ist das bereits gang und gäbe–, drängen vehement in den Markt. Wiederum am Beispiel Deutschland: Die Fresenius-Gruppe ist einer der größten Klinikbetreiber, und quasi Monopolist bei bestimmtem medizinischen Geräten und Medikamenten sowie Substanzen.

Die Konsequenzen sind gefährlich: Zu guter Letzt picken sich die Privaten die Rosinen, die öffentliche Hand muss für jene teuren Operationen und Therapien geradestehen, die für Private nicht lukrativ sind.

Zudem denken private Investoren langfristig, weil sie den entsprechenden finanziellen Atem haben: Der Gesundheitsmarkt ist der krisenresistenteste den man sich vorstellen kann. Solide Wachstumsraten, sodass sogar Pensionskassen und ähnliche öffentlich relevante Unternehmungen dort Aktien oder Anleihen kaufen. Damit schließt sich ein gefährlicher Kreis.

Die Pensionsfonds – eigentlich gemeinwirtschaftlich verpflichtet – müssen ,um ihren Mitgliedern ordentliche Renditen für die Rente zu garantieren, bei privaten Gesundheitskonzernen investieren, weil woanders die Risiken zu groß sind.

In der klassischen Ökonomie nennt man das Kapitalismus. Unversehens – scheinbar – stützen gemeinwirtschaftliche Institutionen damit private Heuschrecken.

Der Patient – oder Pensionist – ist dabei ein Spielball. Er hat sich zu fügen.

Das beunruhigende daran ist, dass es kein deutsches oder österreichisches Phänomen ist, sondern europaweit um sich greift.

Die EU scheint das zu unterstützen: Und abreitet weiter still und leise an der Abschaffung oder Schwächung der Freien Berufe.

Da helfen nur Aufklärung, Mut zum Widerstand und Stärkung der eigenen Organisationen. Wir tun es.

Ohne Freie Berufe kann Demokratie nicht funktionieren: Das betrifft Ärzte, Rechtsanwälte, Notare und Wirtschaftstreuhänder gemeinsam. Solidarität ist angesagt.

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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