Armut stirbt früher. Warum die öffentliche Gesundheitsversorgung Vorrang haben muss.

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Arme Menschen – gemeint sind Sozialhilfeempfänger – haben eine um 10 Jahre geringere Lebenserwartung als der Durchschnitt der Österreicher. In Ottakring in Wien lebende Menschen sind nicht nur häufiger krank, sondern sterben um 8 Jahre früher als der Durchschnitt. Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsferne und desolate Wohnverhältnisse machen krank. Was dagegen hilft: eine uneingeschränkte Stärkung des öffentlichen Gesundheitsversorgungssystems statt Privatisierung und Sparen am falschen Platz.

Öffentliche Gesundheitsversorgung heißt: barrierefreier und kostenloser Zugang zur Spitzenmedizin für alle, flächendeckende Erstversorgung und Pflege sowie konsequente Prävention und Maßnahmen zur Früherkennung.

Das kostet im ersten Ansatz mehr Geld, bringt aber langfristig strukturelle Kostensenkungen, die sich gesamtwirtschaftlich auswirken.

Öffentliche Gesundheitsversorgung garantieren heißt: Einsicht darin zeigen, dass der Hauptfaktor Humanressourcen, sprich gut ausgebildete, nicht überlastete Ärzte und Pflegekräfte, sind. Alles andere ist zweitrangig, denn technologisch sind die großen Spitäler in Österreich gut ausgestattet, sieht man von Mängeln bei der Krebstherapie und dementsprechenden Geräten  ab.

Öffentliche Gesundheitsversorgung garantieren heißt: Balance zwischen Zentralismus im Sinne von strikten Rahmen und Leistungsanforderungen und genügend Budgetmittel und Föderalismus. Wie die Versorgung bestmöglich zu sicheren ist, weiß man vor Ort besser, als im fernen Ministerium.

All das scheint in Österreich derzeit in Frage gestellt: Einsparungen, Zentralismus, Aushöhlung der Selbstverwaltung und Autonomie sowohl der Ärztekammer als auch der Sozialversicherungsträger. Einsparungen beim Personal statt Investitionen in Personal. Da hilft auch die späte Erkenntnis nichts, dass in Österreich zehntausende Alterspflegekräfte fehlen und tausende Pflegebetten.

Der derzeitige Ärzte- und Pflegekraftmangel ist nämlich auf die seit Jahren stattfindenden Einsparungen zurückzuführen. Das führte zu niedrigen Honoraren und unbefriedigenden Arbeitsbedingungen. Und das erklärt, warum es Nachwuchsmangel gibt. Pflegeberufe sind ebenso unterbezahlt wie unattraktiv, dasselbe gilt für Allgemeinmediziner oder beispielsweise Fachärzte wie Kinderärzte oder Psychotherapeuten.

Und typisch Österreichisch  wird einerseits alles zentralisiert, anderseits werden die Privilegien der mächtigen Länderfürsten nicht angetastet. Das führte zu bisweilen wenig sinnhaften Krankenhausbauten in geographisch engen Räumen und zu absurden Argumenten: Krankenhäuser, selbst wenn sie besser in Pflegestätten umgewandelt werden sollten, werden krampfhaft aufrechterhalten, weil sie sekundäre Arbeitsplätze schaffen: Zulieferer, Gewerbe und Handwerk im Umfeld. Das aber kann und darf kein Argument für die ärztliche Versorgung sein.

Und so kommt es, dass sich mit auffallender Regelmäßigkeit die stets gleichen Probleme wiederholen: Jetzt will man die Ruhezeiten nach Bereitschaftsdiensten drastisch kürzen, dafür die Wochenarbeitszeit wieder erhöhen, Wahlärzten die Rückerstattung der Kosten reduzieren oder wegnehmen und noch dazu die Kassenbeiträge senken. Das muss zu einer weiteren Leistungsminderung führen und damit zu mehr Privatisierung. Und Diskriminierung.Die Armen werden noch häufiger krank, können sich Behandlungen nicht mehr leisten, sterben früher.

So kann Sozialpolitik nicht gemacht werden – mit allen populistischen Sagern, die maximal den Boulevard befriedigen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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