Achtung! Grippe! Reden wir übers Impfen!

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Die Österreicher sind im Vergleich zu anderen Ländern regelrechte Impfmuffel. Und regelmäßig schlagen Medien Alarm und haben Schlagzeilen parat: Die Grippewelle geht um. Heuer später als in den vergangenen Jahren. Zur Erinnerung: Vor ziemlich genau hundert Jahren raffte die spanische Grippe dutzende Millionen Europäer hinweg. Und immer noch herrscht eine rational schwer erklärbare Aversion gegen präventive Impfungen.

In Italien hat man versucht, eine gesetzliche Impfpflicht durchzuführen. Man musste sie – aufgrund von einflussreichen Lobbyisten – wieder zurücknehmen. Laut OECD-Statistik liegt Österreich bei der Durchimpfungsrate (zum Beispiel Masern oder Hepatitis B) im unteren Mittelfeld.

Dabei haben sich die Fälle von Masernerkrankungen – mit Todesfall – in den vergangenen Jahren vervielfacht.  Die Aktivitäten zur vorsorgenden Grippeimpfung haben bescheidenes Echo. Nur eine Minderheit läßt sich impfen, wenn auch mit leicht zunehmender Tendenz.

Das ist auch mit ein Grund, warum bestimmte Grippeimpfmittel ausgehen. Die Industrie produziert jeweils nach den Daten des vorhergehenden Jahres. Falls sich mehr Menschen als erwartet impfen lassen wollen, geht der Impfstoff aus und verstärkt wiederum die Aversion gegen Impfen – es gäbe ja doch keinen wirksamen Impfstoff, argumentieren viele. Und zudem verändern sich die Erreger jedes Jahr. In der Psychologie nennt man dieses Verhalten Rationalisierung. Man versucht, scheinbar rationale Begründungen für irrationale Ängste oder Vorbehalte finden.

Untersuchungen haben ergeben, dass sich die lautstärksten Impfgegner bei umweltbewussten, grünaffinen LOHAs  (Lifestyles of Health and Sustainability )mit höherem Einkommen und bei Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen finden. Diejenigen, die gegen angeblich genmanipulierte Lebensmittel sind, sind signifikant auch gegen Impfen und argumentieren, dass es wissenschaftlich nicht erwiesen sei, ob Impfungen präventiv wirken und es zu wenige Untersuchungen über Nebenwirkungen gäbe.

Zum Großteil sind das irrationale Motive.

Anderseits bringen Gebote und Verpflichtungen mit Pönalisierungen nichts – siehe Italien.

Was aber notwendig erschient, ist massive Aufklärung, bereits in den Schulen oder im Rahmen des Mutter-Kind-Passes.

Es bringt niemanden etwas, wenn man regelmäßig von Grippeepidemien liest, von überfüllten Ambulanzen und Ordinationen sowie überbelegten Krankenhäusern. Außerdem sind lange Wartezeiten in Ambulanzen echte Ansteckungs- und Übertragungsdynamos.

Um es klarzustellen: Wir Ärzte sind großteils gegen verordnete Impfpflichten, weil sie nur zu Gegenreaktionen führen. Aber als verantwortliche Mediziner müssen wir warnen: Vor irrationaler Forschungs- und Wissenschaftsskepsis und Emotionalisierung einer Debatte.

Jeder Masern- oder Grippetote ist einer zu viel. Das sollte ebenso zu denken geben, wie die  Engpässe  in der Behandlung zu epidemischen Zeiten.

Reden wir offen über das Impfen und über Irrationalismen. Vieles ließe sich aufklären.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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