Notstand! Ärztemangel! “So schaffen wir es nicht mehr”

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„Ich schaff es nicht mehr…“. Diese verzweifelte Aussage einer Wiener Hausärztin spiegelt die Realität der Erstversorgung in Wien wider. Und nicht nur dort. Es mehren sich die Regionen, wo es gar keinen oder nur einen Hausarzt gibt – noch dazu bei einer immer älter werdenden Bevölkerung und schlechter werdender Infrastruktur.

50.000 Hausbesuche weniger als vor fünf Jahren.  Das sind die Daten für Wien. Die Tendenz dürfte weiter nach unten gehen. Aus Überlastungsgründen.

Nicht nur die Patienten werden älter, auch die Hausärzte. Ein großer Teil – mehr als die Hälfte – wird in den nächsten Jahren in Pension gehen oder gehen müssen.

Die Fakten: 71 Hausärzte weniger in Wien. 200.000 Patienten mehr. So war die Entwicklung in den vergangenen 8 Jahren.

Ein System beginnt zu kollabieren. Dazu sind die Ambulanzen in den Krankenhäusern überfüllter denn je. Die Wartzeiten werden größer. Falls jetzt auch noch die Grippewelle kommt, schaut es kritisch aus.

Die Regierung und Sozialversicherungen argumentieren, Österreich habe die zweithöchste Ärztedichte Europas. Sie sagt nicht, dass bei uns auch die Ärzte in Ausbildung zu den praktizierenden Ärzten hinzugezählt werden, dass wir überdurchschnittlich viele Ärztinnen und Ärzte in Teilbeschäftigung haben, und sie redet nicht vom Minus bei den Kassenärzten. Wenn man auf Vollzeitäquivalente berechnet liegen wir im Mittelfeld in Europa und in ganz Europa gibt es einen Ärztemangel.

Inzwischen fangen auch nur mehr 6 von 10 Absolventen des Medizinstudiums in Österreich zu arbeiten an, das bei einer bevorstehenden Pensionierungswelle der Babyboomergeneration und mehr alten und chronisch kranken Patienten.

Es mag sein, dass es genügend Wahlärzte gibt. Die Frage erhebt sich, wo sie sind. Zu bedenken ist auch, dass diese Wahlärzte hohes ökonomisches Risiko auf sich nehmen. Statt Wahlärzte aktiv einzubeziehen, will man die Gebührenrückerstattung kürzen oder streichen. Das ist kontraproduktiv, noch dazu, da es um gar nicht so viel Geld geht, wie immer gesagt wird.

Zu warten bis eine neue Generation von Ärzten ausgebildet ist, hilft nicht. Gehandelt werden muss jetzt und unmittelbar. Zunächst durch eine spürbare Erhöhung der Honorare für Hausärzte und vor allem für Hausbesuche, durch eine Garantie – eventuell sogar einen höheren Prozentanteil – der Kostenrückerstattung für die Behandlung durch Wahlärzte.

Und durch – auf den ersten Blick – simple Maßnahmen: Ein Parkpickerl für Ärzte, Parkraum vor ihren Ordinationen allein würde schon helfen, Zeit zu sparen.Möglichkeit der Teilung einer Ordination für zwei Ärzte. Das würde insbesondere ÄrztInnen mit Kindern helfen, die gerne Teilzeit arbeiten würden.

Für Landärzte müsste es subventionierte Wohnungen und Ordinationen geben, garantierte Arbeitsplätze für die Ehepartner und Betreuungshilfen vor Ort.

Alles das ersetzt keine durchgreifende Reform, aber es verbessert zumindest die prekäre Situation und animiert den einen oder anderen Arzt, sich für eine Praxis zu bewerben.

Es ist dringlich. Das wissen alle Beteiligten. Deshalb sollten sie dringlich etwas tun. Wir Ärzte sind zu Gesprächen bereit, im Sinne unserer Patienten.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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