In den Hausarzt investieren! Das System entlasten und Kosten reduzieren.

1,265 total views, 5 views today

Zumindest 50 Prozent der Fälle, die derzeit in den Krankenhäusern erstversorgt werden, könnten durch den praktischen Arzt ums Eck behandelt werden: rascher, unbürokratischer und vielleicht auch nachhaltiger für den Patienten. Ja – wenn es den Arzt ums Hauseck auch überall geben würde. Exakt das wurde seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten vernachlässigt. Gewissermaßen schleichend wurde der Hausarzt entsorgt und der Kassenarzt für Allgemeinmedizin unattraktiv gemacht. Das rächt sich jetzt.

Seriöse Studien haben errechnet, dass durch den verstärkten Einsatz von Hausärzten zwischen 240 und 300 Millionen Euro pro Jahr an Gesundheitskosten eingespart werden könnten – und das bei subjektiver Verbesserung der Betreuung aus der Sicht des Patienten. Denn: Ein zentrales Phänomen von Gesundwerdung und Therapie ist Vertrauen und Zuwendung. Wer seinen Arzt kennt, ist auch eher geneigt seinen Ratschlägen Folge zu leisten.

Jetzt haben wir die Misere: zu wenig Hausärzte, keine bis wenige PHC, von denen seit Jahren als Allheilmittel die Rede ist, und überfüllte Ambulanzen mit langen Wartezeiten.

Noch immer gibt es keine fundierte Evaluierung, welche erstversorgenden Leistungen durch Krankenhäuser besser und effektiver erbracht werden könnten, als durch den Allgemeinmediziner. Das aber wäre dringend notwendig, um Patientenflüsse optimal zu steuern.

Und noch immer gibt es die zu geringe Honorierung für Allgemeinmediziner als Kassenärzte. Man muss sich nicht wundern, dass immer weniger Studierende erwägen,  Allgemeinmediziner zu werden, obwohl sie grundsätzliches Interesse hätten. Die Arbeitsumstände erscheinen ihnen zu widrig, das Risiko teilweise zu hoch. Immer weniger wollen aufs Land gehen, weil die Infrastruktur fehlt. Und viele möchten nur Teilzeit arbeiten, weil sie andere Lebensziele haben: Kinder, Selbstverwirklichung oder auch Forschung.

Seit kurzem können Ärzte andere Ärzte anstellen. Wenn dazu noch das System der Gruppenpraxen vereinfacht würde und die Teilung von Kassenordinationen einfacher wäre, könnte zumindest mittelfristig einiges verbessert werden. Das alles kostet wenig und müsste lediglich stärker beworben werden.

Und letztlich erscheint eines notwendig: verstärkte Information der Patienten. Viele denken – aus Gewohnheit oder Unwissen – gar nicht einmal mehr nach, zum praktischen Arzt zu gehen, sondern suchen automatisch die Ambulanz auf. Hier gilt es aufzuklären – mit allen Mittlen die moderne Telekommunikation zur Verfügung stellt. Jeder hat ein Smartphone und intelligente Apps können auf die nächstliegende geöffnete Praxis verweisen. Auch eine Intensivierung der telefonischen Erstberatung – wie sie teilweise schon praktiziert wird – könnte Abhilfe leisten. Auch das müsste stärker kommuniziert werden.

Letztendlich aber geht es um das persönliche Gespräch mit dem vertrauten Arzt. Es ist durch nichts zu ersetzen. Reformen können nur an der Basis erfolgen – und die Basis ist nun einmal der Hausarzt und Allgemeinmediziner.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen