Ein Anwalt der Patienten? Oder wie man Schuldzuweisungen an Dritte ausspricht.

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Der Sprecher der österreichischen Patientenanwälte sieht die Ursache des Ärztemangels bei der Ärztekammer – und der Sozialversicherung. Im Übrigen meint er, würden Allgemeinmediziner und Hausärzte ohnehin genug verdienen und es sei Sache der Sozialpartner, sich die Verträge auszuschnapsen. So einfach kann man Tatsachen in ein anderes, schräges Licht setzen. Aber so einfach dürfen es sich weder die Politik – alle Gesundheitsminister der vergangenen 15 Jahre – und die Patientenanwälte machen. Wem vertrauen sie eigentlich?

Tatsache ist, dass die Krankenkassen keine neuen Praxisstellen vergeben. In Wien liegen dutzende Anträge auf Gruppenpraxen auf Eis und in Wien ist die Gebietskrankenkasse notorisch klamm – und wird aus den finanziellen Troubles in den kommenden Jahren auch nicht herauskommen. Krankenkassenzusammenlegung hin oder her.

Tatsache ist, dass weder ein Installateur noch ein Elektriker eine Reparatur in einer Wohnung durchführen würde, wenn er so wenig Honorar wie ein Arzt für einen Hausbesuch erhielte.

Tatsache ist auch, dass hunderte Landärzte ohne  eine Hausapotheke kaum überleben könnten. Und ebenso ist es Tatsache, – das kann man beurteilen wie man will – dass die Haftungsgesetze für Ärzte in den vergangenen Jahren deutlich verschärft wurden.

Was der Patientenanwalt offensichtlich auch negiert, ist der soziologische und Life-Style-Wandel der vergangenen Jahre. Life and Work Balance und persönliche Selbstverwirklichung sind – quer durch alle Berufe – den jüngeren Menschen mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger, als ein Aufgehen und sich  Aufreiben in Arbeit.

Und Tatsache ist weiter, dass nach Jahrzehnten die Zahl der Frauen und Lebenspartnerschaften steigt, die sich Kinder wünschen. Und zwar signifikant erst ab 30 oder Mitte 30. Also zu dem Zeitpunkt, da man normalerweise eine Ausbildung zum praktizierenden Arzt absolviert hat.

Tatsache ist nach wie vor, dass ein durchschnittlicher praktischer Arzt nach etwa zweieinhalb bis drei Wochen eigentlich schon sein Monatspensum überfüllt hat und die restliche Zeit mehr oder weniger kostenlos und unbedankt – abgesehen vom Dank der Patienten – weiterarbeitet.

Und Tatsache ist, dass – etwa bei Ausdehnung der Öffnungszeiten an Tagesränder und Wochenenden – Zusatzkosten bedeuten, die derzeit niemand abdecken würde: für die Ordinationsassistenten, die Verwaltungsmitarbeiter. Denn ihnen müssen die Ärzte nicht nur Samstags- und Nachtzuschläge zahlen, sondern auch im Bedarfsfall Zusatzkräfte anstellen.

Es bringt uns allen nichts, wenn man ein Problem, das systemgefährdend ist, durch Schuldzuweisungen verdrängt. Das spricht nicht für Verantwortungsreife.

Nochmals: Setzen wir uns alle zusammen und tun wir alles, um eine akute Notsituation, wenn schon nicht zu lösen, dann zumindest abzumildern.

Schuldzuweisungen sind regressive Sandkastenspiele, wie sie Kinder tun, wenn sie spielen. Leider oft unter Aufsicht der Eltern.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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