Reizthema Impfen! Kommunizieren statt eskalieren

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Das Thema Impfen beschäftigt die Medien – vor allem den Boulevard. Der jüngste Fall von Masern-Erkrankungen schaukelt die Emotionen hoch. Sogar ein Impfgipfel wird verlangt. Rational ist der Impfwiderstand bestimmter sozialer Schichten nicht zu begreifen. Schon aus diesem Grund bringen Verbote wenig. Aber es gäbe Alternativen.

Die Koppelung des Mutter-Kind-Passes an die Impfnachweise ist ein Weg. In anderen Ländern werden andere Maßnahmen getroffen. In den USA beispielsweise kann man ohne korrektes Impfzeugnis weder auf ein Collage noch auf eine Universität gehen, oder in einem öffentlichen Amt arbeiten.

In anderen Ländern gibt es Impfprämien. In autoritären Staaten herrscht teilweise Impfpflicht, in Koppelung mit dem Erziehungssystem.

In der Tat hat die sogenannte Durchimpfungsquote – Anzahl der Menschen in einem Land, die sich freiwillig impfen lassen – wenig mit Bildungsniveau, Einkommen oder Status der Gesundheitsversorgung zu tun. In der Schweiz sind beispielsweise lediglich 17% der Kinder gegen Hepatitis B geimpft, in Deutschland 80%, in Österreich 87%, in Italien über 90%.

In Deutschland ist es den Apothekern erlaubt, bestimmte Impfungen (beispielsweise Grippe) durchzuführen, es gibt allerdings verbreitete medizinische Bedenken.

Verbote sind keine Auswege. Das sehen auch die meisten österreichischen Ärzte so. Aber Gebote und Kopplungen könnten sinnhaft sein, wie etwa in den USA. Wer nicht geimpft ist, hat auf bestimmte öffentliche Leistungen keinen Anspruch.

Das Wichtigste aber ist Kommunikation. Aufklären der Eltern, wobei man stets davon ausgehen muss, dass es eine bestimmte, durchaus gebildete und wohlhabende Schicht gibt, die – aus welchen Gründen auch immer – impfresistent ist. Wo Gespräche nichts bewirken, müssen Strafen her, fordern manche.

Die hohe Mobilität der Menschen, der globale Warenverkehr und der Klimawandel haben zu einem Anstieg von Migrationskrankheiten und -Erregern geführt, der sich noch intensivieren wird.

Und die Tatsache, dass scheinbar längst ausgerottete Krankheiten – Scharlach, Masern, Kinderlähmung, ja auch Pest – wieder auftauchen, muss jeden Gesundheitspolitiker und Mediziner mit Sorge erfüllen.

Ein ideologisch und verhaltenspsychologisch geprägter Rückfall in ein technikfeindliches Umfeld ist ebenso gefährlich wie das immer stärkere Aufpoppen von sogenannten Naturheilverfahren, wie sie von Boulevard und sozialen Medien gepusht werden.

Medizin hat viel mit Zuwendung zu tun, aber ebenso viel mit Ratio. Zum Thema Impfen sei gesagt: Mehr Ratio, weniger Irrationalismus.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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