Dr. Google – Kein Ersatz für den Hausarzt. Die Patienten suchen, aber misstrauen den Informationen.

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Weder Telemedizin, wie sie in Deutschland in einigen Ländern angeboten wird, und schon gar nicht Dr. Google sind adäquater Ersatz für das persönliche Arztgespräch. Eine Untersuchung Health TV hat ergeben, dass sich fast 2 Drittel der Patienten bei Google über Krankheiten informieren, aber die wenigsten den Informationen vertrauen.

43% der Suchenden fühlen sich nachher verängstigt, 22% sogar noch kränker als zuvor. 18% haben sich aufgrund von Google-Tipps selbst mit Medikamenten versorgt, bei 16% hat sich daraufhin der Gesundheitszustand gefährlich verschlechtert. Und zusätzliche medizinische Betreuung notwendig gemacht.

Noch stärker ist das Misstrauen bei Filmen und Videos, wie sie bei der Google-Tochter YouTube angeboten werden: 44% schauen sich gelegentlich – wenn sie krank sind oder sich krank fühlen – derartige Videos an. Aber 58% misstrauen den Filmen, bei den über 60-Jährigen sind es 73%.

Nicht nur soziale Medien sind gefährlich und meinungsverzerrend, auch Suchmaschinen wirken sich negativ auf Gesundheitsbewusstsein und -verständnis aus.

Für Ambulanzärzte oder praktische Ärzte bedeutet das oft Zusatzaufwand. Menschen kommen mit Google-Ausdrucken und mehr oder weniger verhärteten Selbstdiagnosen zum Arzt. Und müssen erst überzeugt werden, dass sie daneben liegen oder überinterpretieren.

Was das mit dem Ärztemangel zu tun hat? Vordergründig nichts. Aber es ist ein Symptom einer Gesellschaft, die immer weniger auf Vertrauen aufbaut und immer weniger zur Solidarität fähig ist. Internet- Egomanie und Echoraum.

Nun aber beruht jedes soziale Versicherungssystem auf Solidarität statt Egoismus. Einzahlungen werden so umverteilt, dass jeder – ohne Ansehen der Person – gleich gut behandelt werden kann.

Wenn dieses System Risse bekommt, spaltet sich Gesellschaft und spaltet sich das Angebot: Privatmedizin für diejenigen, die es sich leisten können. Und Versorgungsengpässe für diejenigen, die sich private Zahlungen nicht leisten können.

Unser Gesundheitssystem läuft Gefahr, sich in diese Richtung zu bewegen. Auf den ersten Blick erscheint es zum Beispiel positiv, wenn die Regierung ankündigt, die Krankenkassenbeiträge zu reduzieren. In Wahrheit ist das keine Entlastung des Einzelnen, sondern führt zu weniger Leistungen seitens des Gesundheitssystems und zwingt Menschen, sich privat zu versichern, um behandelt zu werden.

In den USA darf man eine Ordination nicht einmal betreten, wenn man nicht vorher die Scheckkarte gezückt hat. Dort sind die Ausgaben für das Gesundheitssystem mit über  18% des BIP auch weltweit am höchsten. Und sie werden zum überwiegenden Teil von den Menschen selbst bezahlt.

Deshalb sei gewarnt: Wer unter der Überschrift „Reform“ das staatliche Gesundheitssystem beschneiden möchte, betreibt Privatisierungs- und Mehrklassenideologie.

Und fördert den Ärztemangel, statt ihn zu beheben. Zumindest den Mangel bei Kassenärzten und Ärzten in öffentlichen Spitälern. Denn auch dort ist der Mangel gravierend.

Es bedarf der Solidarität der Ärzte und der Versicherten, sich gegen derartige Entwicklungen zu stemmen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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