Online-Praxis: Mehr als eine Krücke? Persönlicher Kontakt kann durch nichts ersetzt werden.

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Die digitale Arztpraxis ZAVA (vorher hieß sie DrEd) hat 2018 mehr als 1 Million Patientenberatungen und -behandlungen durchgeführt. Das bedeutet: eine Onlinebehandlung alle 30 Sekunden. Insgesamt beschäftigt ZAVA 160 Mitarbeiter europaweit, darunter Allgemeinmediziner, Internisten, Gynäkologen und Neurologen. Es handelt sich dabei nicht um Videobehandlungen, sondern E-Mail-Austausch. Kann man das ernst nehmen?

ZAVA funktioniert zeitversetzt via Online-Fragebogen, den die Patienten auszufüllen haben. Videokonferenzen werden grundsätzlich abgelehnt, da sie eine bloße Simulation darstellten.

Noch gibt es keine Evaluierung zu diesen Online-Behandlungen, der Zulauf mag groß sein, die Kritik daran ebenfalls. Es gibt auch keine Erhebungen, welche Patienten sich online beraten lassen, wie alt sie sind und über welchen Bildungs- und Verständnisgrad sie verfügen.

Rein zeitlich und finanziell mögen sie ein Ersparnis bei den Gesundheitsausgaben bringen, sehr wohl aber bestehen massive Bedenken: Datenschutz, Qualität und Intensität der Beratung, Medikation und Diagnose ausschließlich aus Selbstauskünften der Personen.

Die Zahl von einer Million klingt beeindruckend, kann aber relativiert werden. Allein die Krankenhäuser des Wiener KAV haben im Jahr 2017 3,1 Millionen ambulante und über 400.000 stationäre Behandlungen.

Verbieten oder fördern?

Online-Medizin kann in einem ersten Schritt entlasten, sie darf aber nicht als Ersatz angesehen werden. Das direkte Gespräch mit dem Arzt und die daraus resultierenden evidenzbasierten Diagnosen – von Labor bis bildgestützte Diagnose – können durch nichts ersetzt werden. Sonst ist die Grenze zur Scharlatanerie nie richtig abzuwägen.

ZAVA will 2019 auch in Deutschland – wo Online-Medizin erlaubt ist – einen Standort aufbauen. Es werden bereits Ärzte gesucht. Übrigens: Hinter ZAVA steckt keine gemeinnützige oder aus Ärzten bestehende Organisation, sondern sehr wohl ein Investor. Und all das macht skeptisch.

Die einzig richtige Lösung ist simpel: mehr Ärzte, mehr Betreuungspersonal und gezielter Einsatz von Online-Channels und Telemedizin beispielsweise in der begleitenden Therapie und Kontrolle. Und das erfolgt heute schon durch die meisten Ordinationen: Kontrollbesuchserinnerung, Allerdtngs zur Einnahme von Medikamenten, Blutdruckmessung, Messung der Bewegungsintensität.

Das ist sinnhaft, notwendig und verbessert die Versorgungssituation. Vor allem anderen aber möchte ich warnen: Zumindest solange keine Evaluierung erfolgt ist.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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