Masernalarm! Impfdebatte! Und: heillos überfüllte Krankenhäuser

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Der volatile Winter hat es in sich: Europaweit – vor allem in jenen Ländern mit unterdurchschnittlicher Durchimpfungsrate – häufen sich die Masernerkrankungen, teilweise im zweistelligen Prozentbereich. Auch die Krätze taucht vermehrt wieder auf. Österreichs Spitäler sind mehr ausgelastet denn je – bei immer weniger Personal.

Überfüllte Ambulanzen und stationäre Abteilungen am Rand der Kapazitätsgrenze, niedergelassene Ärzte, die teilweise keine neuen Patienten mehr aufnehmen können und steigende Krankheitsfälle überall: Grippe, aber auch Sportverletzungen bedingt durch den steigenden Wintertourismus und mangelnde Fitness der Hobbysportler.

Während die Anforderungen an das Gesundheitssystem quantitativ und qualitativ steigen, alte, längst ausgerottet scheinende Krankheiten wieder um sich greifen, sich neue Formen der chronischen Erkrankungen manifestieren, haben sich die Versorgungskapazitäten nicht angeglichen. Ja sie sind sogar gesunken – und werden es kraft Demografie weiter tun.

Die Ausgaben für Gesundheit sind in Relation zum BIP in den vergangenen Jahren kaum gestiegen. Das kann nur eines bedeuten: Die Leistungen sind gesunken, die Gehälter wurden nicht adäquat angepasst.

Das Phänomen ist nicht auf Österreich beschränkt. In vielen Ländern der EU herrscht eine populistische Neigung zur Ausdünnung der sozialen Netze. Zumindest unter dem Deckmantel der „höheren Selbstverantwortung“ des Patienten. De facto heißt das, dass immer mehr Ausgaben auf die Betroffenen umgeleitet werden.

Und die können sich kaum wehren. Wenn das öffentliche System keine Kapazitäten hat, muss man zwangsläufig private Versorgung wählen – zum Beispiel den Wahlarzt.

Zusatzversicherungen werden immer restriktiver in der Leistungsgewährung und erhöhen zudem ihre Prämien – ohne, dass deshalb auch die Honorare für die betreuenden Ärzte im gleichen Ausmaß  angepasst würden.

Es geht um Profit und inverse Umverteilung. Die Sozialversicherungen mussten und müssen im Zuge der sogenannten Reform bereits geplante Investitionen stoppen oder rückführen, Stillstand ist angesagt. Auch bei der Neuvergaben von Kassenarztstellen.

Stattdessen versucht man, einen Keil in die Solidarität der Ärzte zu treiben, entwirft ständig neue Konzepte, die Papier bleiben. Der Masterplan Pflege wurde zwar präsentiert und zur Begutachtung versandt, viel Konkretes steht aber nicht drinnen.

Man will evaluieren und Studien beauftragen.

In der Zwischenzeit wird die Problematik immer schärfer und prekärer: Wohin mit den Patienten? Wie eine flächendeckende Erstversorgung garantieren? Wie effiziente Prävention betreiben? Diese Fragen sind jetzt und aktiv zustellen, und nicht auf die lange Bank zu schieben.

Stattdessen hat es den Anschein, als würde man regelmäßig in neue Anlassgesetzgebungen und Diskussion flüchten um mediale Aufmerksamkeit zu erzielen und die echten Probleme zu überdecken. So entsteht nichts Nachhaltiges.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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