Milchmädchenrechnung oder Strategie? Krankenkassen erwarten hohes Defizit nach Gewinnen im Vorjahr .Schuld sind die Ärzte ?

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Das Spiel wiederholt sich jedes Jahr: Zuerst wird ein Defizit erwartet, dann gibt es eh Gewinne. Der Hauptverband der Sozialversicherungen führt das erwartete Defizit für 2019 zum  Teil auf gestiegene Arzthonorare zurück. Hauptsache es gibt einen Schuldigen. Über Mehrleistungen wird nicht gesprochen.

Arzthonorare sind ein populäres Argument. So hat der Hautverband das  IHS beauftragt, die durchschnittlichen Jahreseinkommen von Ärzten zu berechnen. Das IHS  kommt bei niedergelassenen Kassenärzten im Schnitt auf 143.000 € vor Steuern und deutlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land sowie Fachausrichtung.

Am wenigsten verdienen Wahlärzte – etwa die Hälfte von dem , was Kassenärzte erhalten –  und Allgemeinmediziner, noch weniger Spitalsärzte, die auf 40% des Bruttoeinkommens der Kassenärzte kommen, am besten  schneiden bestimmte Fachärzte in technischen Fächern ab.

Selbst das IHS gesteht ein, dass diese Honorare keineswegs  hoch seien. Schließlich studieren Ärzte länger, fangen erst deutlich später als andere Berufsgruppen zu verdienen an, und arbeiten im Schnitt auch zumindest um ein Drittel mehr als der Durchschnitt der Berufstätigen.

Ein Oberarzt in Wien verdient beispielsweise in etwa so viel wie ein akademischer Magistratsmitarbeiter, ein Allgemeinmediziner erhält für einen Hausbesuch einen Bruchteil dessen, was ein Installateur für eine Reparatur in der Wohnung – mit bezahlter Regiezeit – bekommt.

Die Sozialversicherungen argumentieren nunmehr mit steigenden Ärztehonoraren, um ihr Defizit zu begründen. (Sie argumentieren zudem auch noch mit den Fusionskosten, muss man ehrlicherweise hinzufügen.)

Wer hohe Ärztegehälter und -honorare kritisiert, übersieht offensichtlich die Realität. Oder will sie übersehen.

Uns Ärzten geht es darum, leistungsadäquat honoriert zu werden, genügend Zeit für die Patienten zu haben und ebenso genügend Zeit zur Rekreation. Nur ein ausgeruhter Arzt ist auch ein guter Arzt, der sich mit voller Konzentration den Patienten widmen kann. Wenn man nun auch noch die Ruhezeiten nach Bereitschaftsdiensten kürzen will, nimmt man den Ärzten wesentliches Kapital: Die Konzentration und die Ausgeruhtheit. Zudem werden Patienten verunsichert.

Man sollte Gesundheitspolitik betreiben, statt permanent mit Zahlen zu jonglieren, die wenig mit der Realität zu tun haben. Denn eines steht fest: Wenn wir – und der Staat sind wir Bürger – wollen, dass das Gesundheitsversorgungssystem auf dem aktuellen Qualitätsniveau bleibt, dann müssen wir auch mehr investieren.

Dazu müsste der Staat stehen. Rückhaltslos. Und er müsste auch sagen: Ausgaben für die Gesundheit sind nicht Kosten, sondern Investitionen. Und letztendlich auch Motor für Wachstum und Zufriedenheit einer Gesellschaft.

Es redet ja auch keiner von Kosten, wenn es geht, einen Bahntunnel zu bauen, sondern von Investitionen in die Zukunft. Auch wenn sie diese erst in Jahrzehnten rechnen – wenn überhaupt.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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