Reden wir über Vorsorge und Vernunft! Die Grippewelle, die Vorsorge und die Irrationalität.

1,375 total views, 5 views today

Vor etwa hundert Jahren raffte die Spanische Grippe binnen zweier Jahre mehr als 25 Millionen Menschen dahin – mehr als es Tote im Ersten Weltkrieg gab. Menschen erkrankten plötzlich und starben binnen 24 und 36 Stunden. Penizillin gab es noch nicht und über die Spanische Grippe zu reden, stand unter Tabu.

Es geht mir nicht darum, historische Szenarien zu wiederholen, es geht mir auch nicht um die nicht endenwollende Debatte über die Impfpflicht. Es geht um Vorsorge, es geht darum, dass wir heute über alle möglichen Kommunikationsmittel verfügen, um aufzuklären und darum ein Vorsorgebewusstsein bei den Menschen zu schaffen. Wir alle wissen: Gegen Grippe kann man versorgen. Zwar nicht zu hundert Prozent, da sich die Erreger ständig ändern, aber zu weiten Teilen.

Studien zufolge wären 30 Prozent von Krankheiten zu vermeiden, wenn rechtzeitig vorgesorgt würde, regelmäßig Gesundenuntersuchungen durchgeführt würden und der Früherkennung mehr Aufmerksamkeit zugewandt würde.

Wissenschaft und Pharmakologie sind heute schon sehr weit, die Erkenntnisse der Genforschung schreiten rasant voran – auch durch Big Data und neue Analyseverfahren mittels Künstlicher Intelligenz.

Das Vorsorgebewusstsein aber hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert, sieht man von Elitegruppen der Gesellschaft ab, die wiederum zu Übertreibungen neigen und klassische Medizin verstärkt ablehnen.

Vor wenigen Tagen erschien eine Studie, dass noch nie so viele Menschen der Meinung waren, die Erde sei eine Scheibe und keine Kugel. Nahezu 20 Prozent der Befragten glaubten dies. Der Grund: Fake-Videos auf YouTube, die millionenfach geshared und geclickt wurden.

Das ist Kontraaufklärung und torpediert jegliche Pädagogik.

Reden wir also nicht übers Impfen, sondern über Vorsorge, den mündigen Menschen und den mündigen Patienten. Reden wir von einem Gesundheitsbewusstsein, dass nur entstehen kann, wenn bereits in der Volksschule Gesundheit thematisiert wird. Wenn der Staat und die Öffentlichkeit – von mir aus im Schulterschluss mit der Gesundheitswirtschaft – umfangreiche Vorsorgekampagnen starten. Wenn gleichzeitig auch Medienkompetenz vermittelt wird. Social Media ist eine gefährliche Manipulations- und Desinformationsmaschine. Wenn Menschen ohne kritische Einstellung ihr ausgeliefert sind, entstehen aberwitzige Vorurteile. Zum Beispiel, dass Impfen generell gefährlich oder zumindest nicht notwendig wäre.

Dagegen müssen wir Maßnahmen ergreifen. Wir alle, die wir professionell mit Gesundheit und Krankheit zu tun haben.

Sonst fallen wir in Zeiten zurück, in denen Krankheiten Menschen dahinrafften oder gefährdeten, von denen wir glaubten, dass sie längst ausgerottet sein.

Ratio und Empathie, statt Irratio und Wunderglauben.

Wir leben im 21. Jahrhundert.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen