„Kommt den Ärzten entgegen“ Ein Appell an Regierung und Sozialversicherungen!

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Die Debatte über Ärztemangel und ineffiziente Verteilung im Gesundheitssystem erfährt einen neuen Höhepunkt. Selbst IHS-Experte Dr. Thomas Czypionka, auch Mediziner, meint: „Kommt den Ärzten entgegen“ und beruft sich auf allzu rigide Gesamtverträge. Denn die Österreicher lieben ihren Hausarzt.

Laut EU-Statistik gehen 12,3% der Österreicher mindestens 10 Mal pro Jahr zum Hausarzt. Im europäischen Schnitt sind es nur 6,4%. In Dänemark, das an erster Stelle vor Österreich liegt, gehen 28,6% der Bevölkerung mindestens 10 Mal pro Jahr zum Hausarzt.

Nicht ohne Grund hat Dänemark eines der besten Gesundheitssysteme Europas und nebenbei auch ein besonders gut abgesichertes Pensions- und Pflegesystem.

Vielleicht sollte man in Zukunft öfter über die eigenen Grenzen hinaus blicken. Dänemark ist eines der am besten mit Breitband und Internet versorgen Länder – Österreich hingegen liegt im unteren Drittel, nur noch knapp vor Deutschland, das negatives Beispiel für ein industrialisiertes Land ist. Vernetzung ist dort kein Fremdwort.

Den Hausarzt stärken, muss nicht unbedingt bedeuten, Einzelpraxen zu forcieren, sondern Ärztekooperationen. Denn die Generation Y ist eine Generation, die gern im Team arbeitet und v Freizeit und Verwirklichung von privaten Lebenskonzepten anstrebt. Das gilt insbesondere für Frauen, die ein neues Emanzipationsverständnis haben.

Und vergessen wir nicht: Der Arzt der Zukunft ist eine Frau. Deutlich mehr Frauen als Männer werden zu Ärzten ausgebildet, bei den jungen Krankenhausärzten dominieren längst schon Frauen.

Und sie wollen: Teilzeit, flexible Arbeitsbedingungen, garantierte Kinderbetreuung in den Spitälern. Aber auch: Wertschätzung.

Wenn man die Grundversorgung durch Allgemeinmediziner forcieren will – siehe Dänemark – muss man neue Richtlinien erarbeiten: Erleichterte  Gründung von Gruppenpraxen ohne bürokratische Beschränkungen, aktive Förderung von vernetzten Technologien.

Und Einfordern von Infrastrukturförderung gerade am Land: Erlass der Mieten für Ordinationsräumen, Zurverfügungstellung von Wohnraum und Administrationskräften, die beispielsweise von den Gemeinden finanziert werden und auch einfache Pflegeleistungen erfüllen können.

Es ist heute zu wenig stark kommuniziert, dass Ärzte Ärzte anstellen können. Die Sozialversicherung hegt unverständliche Bedenken gegen Gruppenpraxen und dementsprechende Honorarvergütungen bei längeren Öffnungszeiten.

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen zu Wahlärzten gehen. Und kein Wunder, dass immer mehr Jungärzte Kassenverträge ablehnen, weil sie sich ihre Zeit besser einteilen können, keiner enteignenden Leistungsregulierung unterworfen werden, und weil sie sich den Patienten länger und intensiver widmen können.

Praktischer, angewandter denken und handeln. Das ist ein erster Schritt. Schauen wir einmal nach Dänemark.

Wenn die Erstversorgung funktioniert, werden auch „die Mauern zwischen niedergelassenem Bereich und Krankenanstalten eingerissen“. Und Krankenhausambulanzen würden entlastet, Akutbetten könnten abgebaut, Pflegebetten forciert werden.

Man muss es nur tun.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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