Ein richtiger Name zur falschen Zeit ! Wiener Gesundheitsverbund nun mit Kliniken. Eine Behübschung ?

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Der KAV heißt nunmehr Gesundheitsverbund, die Krankenhäuser werden zu Kliniken aufgewertet. Von der Theorie her der richtige Ansatz. Wir sprechen ja von einem Gesundheitssystem und nicht von einem Krankensystem. Die Realität aber schaut anders aus.

Jahrelange hausgemachte Verzögerungen mit teilweise massiven Kostenüberschreitungen beim Krankenhaus Nord, das jetzt Klinik Floridsdorf heißt, teilweise sicherheitsgefährdende Bauschäden bei anderen Kliniken, ein Krankenhausplan 2030, der längst Makulatur ist.

Und: ein System am Rande des Kollaps. Der Hauptgrund: Zu wenig ärztliches und pflegendes Personal, Abteilungen, die geschlossen oder zusammengelegt werden, Umsiedlungen, zeitweises Stilllegen von OP-Sälen.

Der Ärztemangel wird noch dramatischer werden, wenn demnächst die Baby-Boomer-Generation in Pension geht und zu wenig qualifizierter Nachwuchs vorhanden ist. Auch auf längere Sicht nicht.

Die Wartezeiten sind – bis auf ein paar Ausnahmen – länger, statt kürzer geworden, die Ambulanzen überfüllt und schwerfällig, die Ärzte beklagen sich über zunehmende Administration, die sie von ihrem eigentlichen Tun abhält.

Die Realität heißt: Wien ist in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten um mehr als 200.000 Einwohner gewachsen – das entspricht der Gesamtbevölkerung der drittgrößten Stadt Österreichs, Linz – die Patienten- und Behandlungszahlen sind asymmetrisch stark angestiegen, was mit der Überalterung der Bevölkerung, Migration und neuen chronischen Krankheiten ebenso zusammenhängt, wie mit hoher Arbeitslosigkeit und Patiententransfer aus dem Speckgürtel. Schließlich pendeln bis zu 300.000 Menschen täglich aus und ein.

Eine Namensänderung – absurderweise am Faschingsdienstag, was keine besonders lustigen Assoziationen hervorruft – kling in diesem Zusammenhang, wie ein Ablenkungsmanöver und bewusst durchgeführte Behübschung.

Klinik, das klingt nach Komfort und Wissenschaft, während Krankenhaus an Leiden und mangelnder Infrastruktur erinnert. Das der KAV nun mehr oder weniger aus dem Magistrat ausgelagert wird, mag vorteilhaft sein. Höhere Autonomie, klarere Strukturen, mehr Selbstbestimmung für die einzelnen Kliniken.

Was aber immer noch ausständig ist, ist eine grundlegende Organisationsreform. Administrationskräfte zur Entlastung der Ärzte an allen  Abteilungen und Stationen, koordinierte und kontrollierter Einkauf, attraktivere Arbeitsbedingungen – Teilzeit, flexibles Switchen zwischen Teilzeit und Vollzeit –,ein klares Anforderungs- und Leistungsprofil für die einzelnen Abteilungen und Kliniken, bessere Vernetzung mit dem niedergelassenen Bereich.

Nichts gegen die neuen Namen, aber alles für eine humane und effiziente Organisationsreform. Und alles für mehr qualifiziertes Personal. Alle Ärzte und Patienten würden dankbar sein.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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