Schlechtes EU-Zeugnis zur Gesundheit! Wahrheit oder statistische Verdrehung?

925 total views, 5 views today

Die EU stellt in ihrem aktuellen Länderbericht Österreichs Gesundheitssystem kein gutes Zeugnis aus: zu teuer, zu wenig effizient, zu lange Krankenhausaufenthalte, zu lange Krankenstände. Österreich sei die Nummer Eins bei den Krankenständen, heißt es: Korrekt oder nur falsch interpretiert?

Eine Feststellung muss getroffen werden: Der Anteil der Gesundheitsausgaben gemessen am BIP ist seit mehreren Jahren kaum gestiegen.

Das ist in anderen Ländern nicht der Fall. Was deutlich gestiegen ist, sind die Kosten für Pflegedienstleistungen – das trifft auf alle Sozialsysteme in Alternsgesellschaften zu. Und gleichzeitig ist auch das Gesundheitsbewusstsein der Menschen gestiegen.

Die Schweiz gibt für Gesundheit deutlich mehr aus als Österreich – und die Schweiz wird immer als Musterbeispiel für sparsames Haushalten bezeichnet. Auch Deutschland gibt mehr aus als Österreich – und das, bei einem anderen Versicherungssystem. Es gibt keine Pflichtversicherung, sondern Versicherungspflicht. Dafür gibt es IGEL, die individuelle Gesundheitsleistung – de facto eine private Sondergebühr für diejenigen, die rascher und intensiver behandelt werden wollen und nicht lange warten möchten.

Richtig ist, dass es im österreichischen Gesundheitssystem bisweilen  zu wenig Transparenz gibt, dass manche Leistungs- und Geldflüsse nur schwer nachvollziehbar sind und dass der administrative Aufwand besonders hoch ist.

Wo es in Österreich krankt, das sind die fehlenden Pflegebetten, das Zuviel an Akutbetten und der fehlende Mut, Krankenhausplanung länderübergreifend zu gestalten. Solange „Bezirks- und Regionalkaiser“ über den Betrieb von Krankenhäusern und Abteilungen bestimmen, kann es keine Effizienz geben.

Der Vorwurf der langen Krankenhausaufenthalte stimmt nur bedingt: Pro Einweisung sinkt die Verweildauer, allerdings steigen im etwa gleichen Ausmaß die Wiedereinweisungen – und das ist teuer. Seit Jahren fordern wir mehr Pflegebetten statt teurer Akutbetten und eine exakte Leistungsanforderung für jedes Krankenhaus. Gäbe es das, würde es auch deutlich weniger kleine Krankenhäuser in unmittelbarer Nähe zueinander geben.

Was die EU gar nicht berücksichtigt, ist die topografische Lage Österreichs: Wir haben einerseits rasch wachsende Städte, die mit der Versorgung nicht nachkommen können, und wir sind ein alpines Land mit weitverzweigten Tälern  und Orten, wo alleine die Mobilitätswege extrem lang sind und die öffentliche Infrastruktur ausgedünnt wurde.

Die hohe Zahl der Krankenstände muss man ebenfalls relativeren. Österreich ist ein Land mit traditionell gutem Arbeitnehmerschutz und wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen Arbeitsdruck und Krankenstand gibt. Eine hohe Krankheitsdauer ist nicht unbedingt ein Symptom einer kranken Gesellschaft, sondern im Gegenteil, ein Zeichen für ein ausprägtes Sozial- und Sicherheitssystem.

Lange Krankenstände haben auch damit zu tun, dass chronische psychische Erkrankungen zunehmen und die Sensitivität dafür gestiegen ist: zum Beispiel Burnout oder Depression.

Anderseits sind Versuche, chronisch kranke Menschen zumindest teilzeitbezogen in ihren Beruf zu integrieren, noch in den Anfangsstufen. Es gibt bereits Unternehmen, die derartiges Gesundheitscoaching anbieten. Aber das dauert noch.

In jedem Fall: Niemand soll in Panik verfallen, nur weil die EU einen überspitzt kritischen Bericht herausgibt.

Wichtiger ist die flächendeckende Versorgung zu garantieren – und dabei schaut es derzeit nicht gut aus. Dafür braucht man mehr Geld. Und soll es auch ausgeben.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen