Geld allein kann nicht pflegen, Big Data allein kann nicht diagnostizieren und Roboter können nicht therapieren! Das Gesundheitssystem braucht vordringlich eins: begeisterte Menschen

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Rein ökonomisch betrachtet, ist das Gesundheits- und Pflegewesen der stabilste, kontinuierlich und verlässlich wachsende Markt. Vor allem einer, in dem Menschen benötigt werden und in dem Rationalisierungen keine Verbesserung und Effizienzsteigerung bringen, sondern einen Qualitätsabfall. Das sollten sich alle Gesundheitspolitiker und jene, die über Gesundheit befinden, hinter die Ohren schreiben.

Gerade an den sogenannten Humanressourcen aber fehlt es. Zunächst bei den Ärzten. Es gibt schlichtweg zu wenige Kassenärzte und zu wenige Krankenhausärzte. Und der Bedarf wird nicht geringer werden, sondern exponentiell steigen. Noch dazu gibt es kaum einen ausbildungsintensiveren Beruf als jenen des Arztes. Wer heute vom Nachwuchs von morgen redet, sollte sich dessen bewusst sein, dass er über ein Dezennium redet. So lange dauert die Ausbildung zum Facharzt in der Regel.

Die gesellschaftliche Wertschätzung ist zwar hoch – vor allem bei der Bevölkerung – die Politik scheint das aber noch nicht recht begriffen zu haben. Wer heute darauf kommt, dass es Engpässe gibt, hat vor 10 Jahren nicht gehandelt. Oder 10 Jahre lang weggeschaut.

Zum Zweiten fehlt es an Pflegekräften – im stationären und mobilen Bereich, in den Krankenhäusern, Altersheimen und Pflegehäusern. Wie bei den Ärzten ist die Wochenarbeitszeit durchschnittlich hoch,die psychische und physische Belastung signifikant größer als in Durchschnittsberufen. Die Bezahlung ist nicht adäquat und auch die Arbeitsfelder entsprechen oft nicht der Qualifikation.

Und drittens fehlt es an mobilen Pflege- und Gesundheitsfachkräften ebenso wie an Tagesbetreuung- und tagesklinischen Angeboten. Und vor allem an entsprechenden Rehabilitationseinrichtungen – und wiederum an Menschen.

Das Missverhältnis zwischen Patienten und Pflege- sowie Rehabilitationsbedürftigen und vorhandenen Betreuern sowie Ärzten wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Es mag sein, dass KI, Robotik und andere Technologien den Mangel etwas abfedern, dass moderne Telekommunikation manches erleichtert, aber keine Technologie wird pflegende und heilende Menschen ersetzen oder Empathie entwickeln können.

Und keine Organisationsreform wird den Mangel beseitigen. Gesundheit und Krankheit sind nicht planbar. Jedes Gesundheitssystem, das ein bestimmtes Leistungsniveau halten möchte, braucht Redundanzen. Das sagt allein der Hausverstand.

Wir stehen heute vor Herausforderungen, die offensichtlich nur wenige wirklich ernst nehmen. Beispiel Pflege: Seit fast einem Jahr wird ein umfassender Pflegeplan angekündigt, beim jüngsten Gipfel des Sozialministeriums wurde wieder vertröstet. Jetzt soll es Herbst werden.

Beispiel PHC: Seit der Ankündigung vor einigen Jahren ist eine Handvoll eröffnet worden. Hingegen ist das Netz an Allgemeinmediziner durchlässiger und brüchiger geworden.

Beispiel Krankenhausärzte: Statt mehr Ärzte gibt es in Relation zu den Fällen weniger, statt sinkender Arbeitszeit steigende Wochenarbeitszeiten, statt einem weniger stressigen Arbeitsumfeld noch mehr Belastung.

So kann es nicht weitergehen. Was derzeit passiert, ist eine doppelte Privatisierung: Wer rasch einen Arzt benötigt, muss zum Wahlarzt, die Pflege älterer Menschen wird auf die Anverwandten abgeschoben. Die wiederum erhalten nichts. Und tun sich immer schwerer, Beruf und Altenbetreuung unter einem Hut zu bringen, geschweige denn Kindererziehung.

Statt Aufgaben tatkräftig anzugehen, wird verschoben und angekündigt. Promotion statt Prävention, Verlagerung statt Aufteilung. Das ist weder sozial, gerecht, noch zielführend.

Die einzigen, die das erkannt haben, sind die großen Gesundheitskonzerne. Sie wittern langfristig hohe und solide Erträge – und die Shareholder danken es ihnen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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