Kranke Seelen? Zahl psychischer Erkrankungen bei Berufstätigen hat sich verdoppelt.

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Eine aktuelle deutsche Statistik – die im Wesentlichen auch für Österreich gilt – alarmiert. Die Zahl der Krankentage aufgrund psychischer Probleme hat sich in zehn Jahren verdoppelt. 2007 waren es 48 Millionen Tage 2017 sind es 107 Millionen Tage: Männer erkranken häufiger als Frauen, Ältere öfter als Jüngere.

Auf hundert 60- bis 65-Jährige kommen 434 Ausfalltage. Signifikant gestiegen sind auch vorzeitigen Pensionsantritte aufgrund verminderter Erwerbsfähigkeit wegen psychischer Probleme.

Die Herausforderungen werden nicht geringer, die Ursachen vielfältiger: starker Konkurrenzdruck, disruptive Entwicklungen vor allem im Kommunikationssegment und in der IT, verstärkte Isolation in der Anonymität der Städte, Diskontinuitäten im Arbeits- und Beziehungsbereich. Immer mehr Menschen kommen mit diesem Tempo nicht mit. Auch Jugendliche sind bereits davon betroffen

Gefragt sind entsprechende Therapien, aber auch gesetzliche Rahmenbedingungen. In Österreich beispielsweise fehlen psychiatrische Fachärzte und Therapieplätze, zudem werden nicht alle Erkrankungen oder Symptome auch von der Krankenkasse anerkannt. Noch immer müssen viele psychologische, psychiatrische und psychoanalytische Behandlungen zum Teil privat bezahlt werden. Das wiederum können sich viele Menschen nicht leisten.

Noch deutliche ist der Mangel in der Kinder Psychiatrie: es fehlen Fachärzte und spezifische Therapiezentren. Dabei leiden immer mehr junge Schüler  und Kinder an psychischen Störungen, die man frühzeitig beheben könne.

Psychische Krankheiten werden zudem von der Gesellschaft noch nicht „akzeptiert“, viele Depressionserkrankungen als „Burn Out“ klassifiziert.

Wir müssen davon ausgehen, dass psychische Erkrankungen verstärkt auftreten werden. Und müssen dafür vorsorgen: in der fachärztlichen Ausbildung, in der Weiterbildung der praktizierenden Ärzte, vor allem aber institutionell. Pflegeeinrichtungen und wie es das Therapiezentren Kalksburg, als derzeit einziges in Wien gibt, das sich beispielsweise auf die Therapie von Sucht – von Alkohol bis Spiel- und Internetsucht – spezialisiert hat und dementsprechend ausgelastet ist.

Es muss Frühwarnsysteme in den Unternehmen geben, mehr Prävention und Information. Sonst stehen wir vor der nächsten Versorgungslücke. Und es muss auch Arbeitsmedizin neu definiert beziehungsweise ausgeweitet werden.

Zuletzt geht es auch um volkswirtschaftliche Komponenten: Für Deutschland betragen die betriebswirtschaftlichen Ausfallkosten bereits 33,9 Milliarden Euro. Das ist ungefähr so viel, wie in Österreich für die gesamte Gesundheitsversorgung ausgegeben wird.

Eines ist sicher: Je mehr die Gesellschaft auseinanderdriftet, je mehr Menschen mit den neuen Technologien nicht mehr umgehen können, umso stärker steigen die psychischen Erkrankungen. Letztendlich ist das auch ein sozial- und bildungspolitisches Problem.

Medizin hat die Aufgabe rechtzeitig zu warnen. Wir wollen nicht Alarm schlagen, sondern aufzeigen, dass ständig neue Herausforderungen an die Gesundheitsversorgung und das System herankommen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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