Ziele definieren, statt Strukturen belassen! Nicht die Finanzierung des Gesundheits- und Pflegesystems ist das Problem, sondern mangelnde Phantasie und Reformbereitschaft!

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“Ich weiß zwar nicht, wohin ich will. Aber Hauptsache, ich bin effizienter dort.“ So könnte man in Anlehnung an Helmut Qualtinger die Diskussionen und Maßnahmen in der Gesundheitspolitik und Pflegeversorgung beschreiben. Das war auch die einstimmige Meinung unterschiedlicher Experten, die  am 27.3. am Ersten Österreichischen Geriatriegipfel der Wiener Ärztekammer, teilnahmen.

Evident ist, dass die Kosten für Gesundheit und Pflege steigen werden. Ja, steigen müssen. Denn – ökonomisch gesagt – Gesundheit und Wohlbefinden sind ein kostbares Gut, das von allen begehrt ist.

In der Tat sind  die Leistungen, die jährlich für Pflege ausgegeben werden, in etwa gleich wie die wirtschaftliche Wertschöpfung. Etwa 5 Milliarden Euro. Alles, was ausgegeben wird, kommt wieder zurück. Wer von Nichtfinanzierbarkeit und ausschließlich von Kosten redet, liegt falsch.

Was wir in Österreich brauchen, ist ein radikales Umdenken – ein Paradigmenwechsel – im gesamten Gesundheitssystem. Stichwort: Integrierte Gesundheitsversorgung, die sowohl Prävention und Gesundheitserziehung, Diagnostik und Erstbetreuung, kurative Medizin, reparative Medizin und Therapie als auch Rehabilitation und Regeneration sowie auch Alten- und Alterspflege umfasst. Das denken in isolierten Einheiten verhindert gesamtheitliche Steuerung, verursacht Doppelgleisigkeiten und fördert Egoismen und falsch verstandenen Föderalismus im Sinne von regionalen Herzogtümern.

Tatsache ist, dass wir immer älter werden, weil wir gesünder leben und die Medizin Fortschritte macht. Tatsache ist, dass immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Nichterwerbstätige Abgaben zahlen müssen.

Tatsache aber ist auch, dass volkswirtschaftlich gesehen, der Gesundheits- und Pflegemarkt einer der am raschesten expandierenden und nachhaltig arbeitsplatzsichersten ist und die Nachfrage beständig steigen wird.

Und betrübliche Tatsache ist, dass es zu wenig ausgebildetes Personal gibt. In der Medizin, in der Pflege, in den Gesundheitsservices. Tatsache ist auch, dass die Verteilung asymmetrisch ist. Zu viel Akutbetten, die teuer sind, zu wenig Pflegeplätze, zu wenig Tagesbetreuungszentren, zu viele kleinere Krankenhäuser, die bestimmte Leistungsanforderungen gar nicht mehr entsprechen können.

Neben dem strukturellen Problem, das sich nur mittelfristig lösten lässt, gibt es derzeit ein drängendes aktuelles Problem im Gesundheits- und Pflegewesen. Es gib zu wenig Ärzte, es gibt nicht ausreichend qualifizierten Nachwuchs, es gibt zu wenige Pflegekräfte, aber es gibt auch zu wenig Betreuungskräfte, die beispielsweise in der Begleitung von Älteren oder rehabilitationsbedürftigen Menschen arbeiten könnten. Das müssen keine Spezialisten sein.

So lebt unser System – und Österreich gibt im Vergleich zu den deutschsprachigen Nachbarländern weniger für Gesundheit aus – in einem permanenten Widerspruch. Planung ist schwer möglich, da es an Humanressourcen fehlt, man muss permanent Lücken füllen, die nicht zu schließen sind. Und verweigert sich einer offenen Diskussion.

Was wir brauchen ist Anreiz und höhere Wertschätzung der Gesundheitsberufe und was wir parallel tun müssten, ist ein Leitsystem und ein Zielsystem definieren. Wo wollen wir hin? Wie soll Gesundheitspolitik und -versorgung aussehen? Wie können wir das Wohlbefinden des einzelnen bestmöglich garantieren?

Die Finanzierung ist aus zwei Gründen das geringere Problem. Wir sind ein reiches Land und der volkswirtschaftliche Return of Invest eines guten Gesundheitssystems ist enorm und steigert Wohlstand und Wohlbefinden. Ausserdem sind die Gesundheitsausgaben in den vergangenen Jahren kaum stärker gestiegen als die Inflation und liegen weit unter den Ausgaben vergleichbarer Länder wie der Schweiz oder Deutschland.

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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