Dennoch Impfpflicht? Debatte eskaliert. Über eine neue Dimension der Vorsorge.

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Die WHO hat Impfgegner auf ihre Liste der größten globalen Bedrohungen aufgenommen. Das ist ein Signal. Im Bundesstaat New York musste ein ganzer Stadtteil isoliert werden – wegen Masern. Daraufhin ließen sich binnen weniger Tage hunderte Menschen freiwillig impfen. In Deutschland vergeht keine Woche, da nicht irgendwo eine Schule geschlossen werden muss. Grund: Masernerkrankung. Der Spiegel titelt diese Woche: „Impfen auf Befehl“ und verlangt eine Impfpflicht für Deutschland.

Die Umfrageergebnisse geben ihm Recht. Die Mehrheit der Betroffenen ist für eine Impfpflicht bei bestimmten Krankheiten, lediglich eine kleine aber offensichtlich wirksame Lobby bäumt sich auf.

Nunmehr scheint diese Lobby mehr und mehr geächtet zu werden: Die großen Internetgiganten wie Google, YouTube oder Facebook verbannen das Stichwort aus ihren Communities, immer mehr seriöse Zeitungsberichte schreiben von sektenähnlichen Impfgegner-Seilschaften, die deutlich in der Nähe von Evangelikalen und Identitären angesiedelt sein sollen.

Ist es notwendig, dass man ein derart wichtiges medizinisches und gesundheitspolitisches Thema ideologisiert, dass abstruse Gerüchte gestreut werden, wie etwa, dass Impfungen Autismus fördern würden? Ist es notwendig, dass man sich von einer fragwürdigen selbstbewussten Lobby so sehr beeinflussen lässt?

Und was ist dagegen einzuwenden, wenn die Ärztekammer den ohnehin moderaten Vorschlag macht, Impfausweise für Schulen und Vorschulen zu verlangen, wie es international in vielen Ländern bereits üblich ist?

Und sollte es nicht selbstverständlich eine Impfpflicht für alle diejenigen geben, die in Gesundheitsberufen tätig sind ?

Mittlerweile hat sich auch der deutsche Ärztekammerpräsident für eine Impfpflicht ausgesprochen – ebenfalls ein Paradigmenwechsel.

Wenn wir ständig über die Notwendigkeit von Vorsorge sprechen, sollten wir diese auch ernst nehmen und gegebenenfalls legistisch unterstützen. Wir Ärzte sind in der Regel strikte Gegner von Verboten und für die Autonomie des Betroffenen. In Fällen, wo es um Leben und Tod geht und bei Erkrankungen, die durch Impfen bereits ausgerottet schienen und jetzt zivilisationsabhängig wieder massenhaft auftreten, muss man aber handeln.

Man sollte zumindest Impfausweise als Basis für gesellschaftliche Leistungen voraussetzen: Schulbesuch, Studium, Ausbildung, Mutter-Kind-Pass etc.

Das sind wir dem Prinzip des Humanismus und der Humanität schuldig. Ebenso, wie wir alles tun müssen, um Scharlatanerie und Sektentum zu bekämpfen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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