Patientenmilliarde, Digitalisierungsmilliarde, Pflegemilliarde !!! Schlagwörter oder reale Zusagen?

940 total views, 10 views today

Wir warten auf die Patientenmilliarde, damit sie direkt in das Gesundheitssystem fließen kann. Und es wäre vielleicht sinnvoll, Teil der Digitalisierungsvolumina für die bessere elektronische Vernetzung von Ärztepraxen zu investieren. Was mit der Pflegemilliarde, besser gesagt, mit dem nachhaltigen Pflegepaket geschieht, werden wir vielleicht im Herbst wissen. Was wir wissen: Unser Gesundheitssystem braucht dringend frisches Geld – für die Mitarbeiter, die Infrastruktur und für die Patienten. Sprich: Mehr Zeit für Patienten.

Derzeit dominiert die Rhetorik vor den Taten. Außer bei Sanktionen – da wird relativ rasch gehandelt. Mittelfristig wird es in der Gesundheitsversorgung Zweigleisigkeiten geben – Auflösung des Hauptverbandes. Parallel Aufbau der neuen Struktur, wobei vieles noch ungeklärt ist.

Inwieweit haben die Vertragspartner in den Ländern noch Autonomie, in wie weit können Streuungsprozesse in den Regionen autark gemanagt werden. Gibt es Spielräume für Honorarerhöhungen beispielsweise bei Landpraxen?

Fixiert wurden die Rahmenbedingungen für die Primärversorgungseinrichtungen. Zumindest drei Ärzte und eine weitere medizinische Fachkraft, bei Bedarfsausweitung. Die Einrichtungen müssen nicht unbedingt an einer Location situiert sein. Erlaubt sind auch Netzwerke.

Inwieweit die PVE von den Beteiligten angenommen werden, inwieweit die Bevölkerung sich darauf einstellt, wissen wir noch nicht. Aber das kann evaluiert werden

Wie komplex das Thema Gesundheitsversorgung ist, hat die jüngste Volksbefragung in der Steiermark gezeigt. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung spricht sich gegen eine neues Leitspital und die Schließung von drei kleineren Häusern aus. Man befürchtet Anonymität und längere Anreisezeiten. Die Landesregierung will den Beschluss dennoch durchsetzen. Zumindest als Status quo.

Als gelernte Österreicher kennen wir aber den Prozess.

Es ist schwer zu sagen, was die bessere Lösung ist – rein gesundheitsökonomisch spricht vieles für ein zentrales Krankenhaus.

Das Beispiel Steiermark – aber auch Proteste in Wien gegen die Absiedelung von Spitälern oder Pflegeheimen – zeigt, wie sensibel der gesamte Bereich Gesundheitsversorgung ist.

Und zeigt auf, welche Lücken es gibt, die im Laufe der Zeit immer größer geworden sind. Und sie bestehen vor allem in den sogenannten „Humanressourcen“.

Solange eine Gesellschaft, Rationalisierung und Ökonomisierung höher bewertet als menschliche Solidarität, wird sich daran nichts ändern. Human- und Sozialberufe werden weiterhin schlecht bezahlt und mit widrigen Arbeitsverhältnissen gekennzeichnet sein.

Hier aber muss man ansetzen. Dann lösen sich viele weitere Probleme. Noch dazu in einer Gesellschaft, die immer einsamer und älter wird. Und immer pflegebedürftiger.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen