Kinder vom Reißbrett? Diskussion über noninvasive Pränataltests wird intensiver.

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Selbstermächtigung oder nicht? Überschreitung ethsicher Grenzen oder nicht? Gerechtigkeit und gleiche Konditionen für alle? Das Thema noninvasive Pränataltests beschäftigt derzeit den Deutschen Bundestag und die Öffentlichkeit massiv. Trotz Brexit, Flüchtlings- und beginnender Wirtschaftskrise.

Seit 2012 sind in Deutschland Bluttests für Schwangere zugelassen, die ziemlich präzise vorhersagen, ob etwa ein Kind unter einem Down-Syndrom leiden wird oder nicht.

Diese Tests werden von der Krankenkasse nicht bezahlt und kosten ab 300 Euro aufwärts. Das können sich viele nicht leisten. Und viele erfahren es auch nicht.

Sollen künftig diese Leistungen krankenkassenpflichtig sein – unter dem Motto „Gerechtigkeit für alle“ und keine Zweiklassenmedizin?

Oder maßt sich der Mensch Eingriffe an, die hart an Eugenik und Auslese schrammen? Gegner der Pränataltests befürchten einen dramatischen Anstieg von Schwangerschaftsabbrüchen und warnen vor einer „Selektion“.

Anderseits: Durch rechtzeitige Analyse kann Leid – Eltern und Betroffene – erspart werden. Wer mag schon verantworten, ein behindertes Kind einer Leistungsgesellschaft auszusetzen? Und wer hat die Kraft, damit umzugehen?

Die Debatte geht quer durch politische Parteien und ideologische Strömungen. Der Deutsche Bundestag wird auch keine Entscheidung treffen, sondern lediglich eine Empfehlung aussprechen. Entscheiden müssen die autonomen Sozialversicherungen.

Und letztendlich jeder Arzt für sich.

Die Debatte erinnert fatal an das Thema der aktiven und passiven Strebehilfe. In machen Staaten ist sie erlaubt – ein regelrechter Tourismus hat eingesetzt, nach Holland oder in die Schweiz.

Die Haltung der Ärzte ist mehrheitlich klar: weder aktive noch passive Strebhilfe. Ausnahme: Patientenverfügung.

Diese Patientenverfügung wurde in Österreich nunmehr vereinfacht, rechtliche und bürokratische Hindernisse beseitigt. Die Kommunikation darüber ist immer noch zu wenig ausgeprägt. Vor allem über die Tatsache, dass man Verfügungen rückgängig machen kann.

Fakt est: Durch die enormen Fortschritte in der Genetik, Epigenetik und Biomedizin werden immer neue ethische Fragen aufgeworfen.

Letztendlich ist das eine gesellschafts- und demokratiepolitische Frage, die Regierungen allein nicht fällen können.

Deshalb ist es so wichtig, dass es Anatomie und Selbstverwaltung gibt und die letztendliche Verantwortung des einzelnen Arztes. Allerdings: Es muss verbindliche Rechtsrahmen geben.

Zum Beispiel: Niemand darf den Tod eines anderen herbeiführen. Gleichgültig, ob durch Unterlassung oder aktives Tun.

Auch das darf nicht untergehen, neben allen akuten Problemen und Systemzwängen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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