Krankheitsgrund: Einsamkeit. Weltweit steigen Einsamkeit und Depression.

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240 Millionen Menschen sind laut Global Burden of Disease Studie im Vorjahr neu an Depressionen erkrankt. 995 Millionen Menschen haben chronische Kopfschmerzen. Mittlerweile sind Kreuzschmerzen, Kopfschmerzen und Depressionen die häufigsten Ursachen von Invalidität. An vierter Stelle folgt Diabetes, zunehmend auch bei jüngeren Menschen. 4,7 Millionen Menschen sind im Vorjahr an Fettsucht gestorben.

Das sind alarmierende Zahlen, die auf einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft verweisen. Isolation, Einsamkeit und Kontaktlosigkeit nehmen zu – und Depression, unspezifische Schmerzen sowie Esssucht bei gleichzeitiger Demobilisierung sind die Folgen.

In den UK wurde vor zwei Jahren sogar ein eigenes Ministerium für Einsamkeit begründet, Einsamkeit und Alleingelassen sein im Alter ist bei zwei Drittel der Österreicher eine der kardinalen Sorgen – stärker als Armutsangst.

Auf derartig starke neue chronische Krankheiten sind die meisten Gesundheitssysteme nicht eingerichtet: weder in der Prävention, noch in der Behandlung. Nach wie vor ist Psychiatrie und Psychotherapie ein Mangelfach, bei Erwachsenen und insbesondere bei Kindern.

Nach wie vor gibt es zu wenige kinderpsychiatrische Betten und Plätze, auch in der Suchtbekämpfung gibt es zu wenig Behandlungsmöglichkeiten und -plätze.

Die Gründe sind vielgestaltig: Soziale Medien führen nachweisbar zu Vereinsamung, autistischer Lebenshaltung. Menschen mit geringer Bildung und geringer Artikulationsfähigkeit neigen stärker zu Depression oder chronischen, unspezifischen Schmerzerkrankungen.  Einsamkeit ist zudem ein Phänomen der Altersgesellschaft und einer Fragmentierung der konventionellen Familienstrukturen.

Die Zahl der Singles nimmt weiterhin rasch zu, Singlehaushalte werden in wenigen Jahren die Mehrheit der Haushalte ausmachen, der Anteil von voll erwerbsfähigen jüngeren Menschen wird aufgrund von frühzeitigen chronischen Erkrankungen sinken.

Mittelfristig, so die Autoren der Global Burden of Disease-Study, werde damit auch die Lebenserwartung wieder sinken, ebenso wie man vor dem massenhaften Auftreten von scheinbar ausgerotteten Krankheiten gerade in zivilisierten Staaten warnt.

Gefragt ist ein Zusammenspiel von Gesundheit-, Sozial- und Bildungspolitik. Armut macht krank, depressiv und verkürzt die gesunde Lebenserwartung, das Leben in ausschließlich digitalen Welten führt zu Kontaktunfähigkeiten und Alleinsein, dazu kommt die sich weiter schärfende Kluft zwischen gebildeten und nicht alphabetisierten Menschen. Es ist erschreckend: In Österreich sind eine Million Menschen funktionale Analphabeten, in Deutschland mehr als 11 Millionen. Die Zahl der Schulabbrecher konnte in den vergangenen Jahren – trotz Leistungsnivellierung – nicht wesentlich gesenkt werden. Dank boomendem Arbeitsmarkt werden Lehrlinge gesucht – und viele Lehrplätze können nicht besetzt werden. Mangels kognitiver Voraussetzungen der Bewerbenden.

Ähnliches bei der physischen Verfassung: Die Zahl der Tauglichen bei Musterungen sinkt seit Jahren signifikant, sodass man neue Kategorien wie bedingte Traulichkeiten einführen möchte, um wenigstens genügend Zivildiener zu rekrutieren.

Abseits aller drängenden aktuellen Probleme sind wir mit einem Phänomen konfrontiert, auf das wir zu wenig vorbereitet sind: das heftige Anwachsen von depressiven Erkrankungen und chronischen Schmerzerkrankungen, und chronischen Schäden an Augen, Gehör und Rücken bereits bei Kindern und Jugendlichen.

Dafür fehlen die Einrichtungen. Und wohl auch die Aufklärung.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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