Wo endet die schrankenlose individuelle Freiheit? Über Impfgebote, Rauchverbote und aktive Sterbehilfe.

1,225 total views, 5 views today

Die Debatte um die Impfpflicht oder erweiterte Impfgebote wird immer heftiger. Und polarisiert mehr denn je. Inzwischen steigt die Anzahl der Masernerkrankungen enorm. Nicht nur In Österreich, auch in Deutschland, Italien, Spanien . Die Gegner der Impfpflicht argumentieren mit der Freiheit des Individuums – wobei sich die Frage stellt, ob Kinder von den Eltern überhaupt gefragt werden ob sie sich impfen lassen wollen.

Viele der Impfgegner sind zugleich erbitterte Rauchgegner. Damit wird die Argumentation mit der individuellen Freiheit janusköpfig und unehrlich.

Halten wir fest : Persönliche Freiheit endet dort, wo sie andere in Mitleidenschaft zieht. Und deren Freiheit -und Gesundheit – bedroht. Das ist beim Rauchen in der Gastronomie ebenso der Fall wie im Öffentlichen Dienst, wenn etwa Angestellte nicht gegen Masern geimpft sind. Oder wenn Kinder andere Kinder anstecken.

Die Österreichische Ärztekammer hat dazu klare Standpunkte definiert : Ja zur Impflicht, und striktes ja zum Rauchverbot in Gastronomie und Hotellerie. Fast eine Million Österreicher haben das Volksbegehren gegen Rauchen unterschrieben. Die Regierung weigert sich bis heute, dieses beeindruckende Votum ernstzunehmen . Und das Rauchen in der Gastronomie zu verbieten. Wie es eigentlich schon vor Jahren vorgesehen war.

Die selbe Regierung spricht sich für die individuelle Freiheit der Eltern aus, zu entscheiden ob sie ihre Kinder impfen lassen oder nicht. Oder für sich selbst eine zweite Schutzimpfung in Anspruch zu nehmen.

Wie weit also solle schrankenlose Freiheit des Individuums gehen. Es gibt ein drittes, heftig diskutiertes Beispiel: aktive und passive Sterbehilfe. De Mehrheit der Ärzte spricht sich gegen aktive Sterbehilfe aus. In manchen Ländern ist sie erlaubt . In Deutschland wir darüber debattiert, ebenso wie über  kostenlose noninvasive Pränataltests. Auch hier die frage: Darf man aufgrund einer medizinischen Erkenntnis  oder diagnostizierten Bedrohung abtreiben. Werden Kinder in Zukunft nur auf die Welt gebracht, wenn nicht geringste Zweifel an irgendwelchen defekten bestehen . Kinder vom Reißbrett sozusagen.

Die Erkenntnisse der modernen Medizin, insbesondere der Epigenetik und Neurowissenschaften haben riesige Fortschritte gebracht. Vorsicht erscheint dennoch geboten.

Aber ebenso scheint Vernunft geboten. Was nützt die beste Medizin, wenn Menschen sich aus irrationalen Gründen weigern, beispielweise Schutzimpfungen vorzunehmen. Und wo ist die Freiheit von fünf oder sechsjährigen Kindern, deren Eltern über sie hinwegfahren. In der UNO Charta heisst es, Kinder seien selbstständige Persönlichkeiten. Anscheinend doch nicht.

Wir pendeln zwischen Mittealter und Wissensgläubigkeit und vertrauen uns allzu leicht sogenannter Alternativmedizin an, die nicht Medizin und Wissenschaft sondern ergänzende Therapie ist -korrekt interpretiert.

Nochmals : Ja zur Freiheit des Individuums. Aber nie, wenn andere in Mitleidenschaft gezogen werden : deshalb Ja zum Gastro- Rauchverbot. Und Ja zur Impfpflicht. Und Nein zur aktiven Sterbehilfe.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen