Zum ungesunden Leben verdammt? Über die Zweiklassengesellschaft und die Leistbarkeit des gesunden Lebens.

860 total views, 5 views today

Die Anteile an biologisch hergestellter Nahrung wachsen jährlich um mehr als das Doppelte. Die Supermärkte richten vegetarische und vegane Departments ein, die Lebensmittelindustrie, die sich gerne Nutrition-Industry nennt, steckt Unsummen in die Entwicklung von fleischlosen „fleischähnlichen“ Gerichten. Gleichzeitig steigen die Absätze von billigem Schweine- und Hühnerfleisch. Ein Widerspruch? Nein ! Logik einer Mehrklassengesellschaft.

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Der Bio-Boom ist zwar ungebrochen, ebenso wie der vegetarische, vegane oder flexitarische Trend. Aber er betrifft eine Minderheit von gerade einmal 10 bis 12 Prozent. Diejenigen, die sich teurere und scheinbar gesündere Lebensmittel leisten können oder Restaurantbesuche und Gesundheitsdiäten. Es sind auch diejenigen, die signifikant viel für Fitness und attraktives Aussehen ausgeben und sich teure Sportgeräte und Urlaube leisten können. Das dies letztendlich auch gesünder ist, ist logisch.

Wer es sich nicht leisten kann, ist auf die extremen Sonderangebote im Supermarkt oder beim Diskonter angewiesen: billiges, fettes Schweinefleisch, fette Wurst und Convenience-Nahrung aus der Tiefkühltruhe. Chips im Mehrfachpack und mit Zugabe. Das macht unweigerlich dick. Kinder aus solchen Familien sind am stärksten gesundheitsgefährdet. Ihre Eltern haben kaum Bewusstsein, noch Zugang zu gesunder Ernährung. Die Schulkinder versorgen sich mit Snacks, Burgern und zuckerintensiven Getränken. Ein Liter Cola entspricht 40 Stück Würfelzucker.

Wer arm ist – und mehr als 1,5 Millionen Österreicher, da sind 18 Prozent, leben an der Armutsschwelle –, ist signifikant schlechter ernährt, häufiger krank, leidet früher und länger an chronischen Krankheiten, kann sich teure, gesunde und frische Nahrung kaum leisten. Zudem fehlt mangels Bildung und Kapital auch ein Gesundheits- und Ernährungsbewusstsein.

Arme Menschen betreiben – im Unterschied zu früher, als es Straßenfußball statt Smartphones gab – in der Regel auch weniger Sport oder können sich teure Sportarten – Schi- oder Bergurlaube – schlichtweg nicht leisten.

Weniger wohlhabende Menschen haben auch die Mittel nicht, sich zusätzlich versichern zu können, viele leben in prekären Verhältnissen, müssen Krankenstände vermeiden, um den Job nicht zu verlieren, kennen sich auch im Gesundheitssystem weniger gut aus. Viele haben auch nicht die Kraft, das Bewusstsein oder das Geld, ärztliche Ratschläge für ein gesünderes Leben zu befolgen.  Dafür steigt der Medikamentenabusus.

Was dagegen zu tun ist: Bildung, Investition in soziale Gerechtigkeit,steuerliche Entlastung der weniger Wohlhabenden, vor allem aber keine zusätzliche Lockerung der sozialen Netze.

Gesundheitspolitik ist Sozialpolitik, ist Bildungspolitik. Man kann nicht der Medizin den Vorwurf machen, dass Menschen ungesund leben oder krank sind, sondern der mangelnden Daseinsvorsorge der öffentlichen Hand. Und natürlich auch den Betroffenen selbst – sowie sie nicht von vornherein ausgegrenzt sind.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen