Rückfall ins Mittelalter? Haben wir Masern- und Mumpsepidemien notwendig? Neue Geisel Parkinson?

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Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC ist alarmiert. Die Zahl der Masernerkrankungen ist allein in diesem Jahr auf 695gestiegen. Man befürchtet Epidemien. Ähnliche Steigerungsraten gibt es in vielen Staaten mit seit Jahren an sich gut  funktionierenden Gesundheitssystemen. Dasselbe gilt für Röteln, Mumps aber auch Gelbfiebere. Fallen wir zurück ins Mittelalter – trotz Hightech-Medizin, die unwahrscheinliches leistet?

Die Zahl der Impfresistenten und Impfskeptiker wird nicht geringer, oder immer nur kurzfristig kleiner, wenn in den Medien Krankheiten wie Masern thematisiert werden.  Danach geht man wieder zum „Resistenzalltag“ über.

Vor allem bei den Enddreißigern und Mitvierzigern, und damit auch bei den Kleinkindern, für welche diese Generation erziehungspflichtig ist. Das öffnet massenhaften Erkrankungen und Ansteckungen Tür und Tor. Und die Behörden scheinen machtlos: trotz Warnungen und Sanktionen.

Wir werden es  zudem in den kommenden Jahrzehnten mit neuen, teilweise zivilisatorisch, teilweise demoskopisch bedingten, chronischen Erkrankungen und epidemischen Wellen zu tun haben.

Nach Demenz ist heute Parkinson bereits die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Weltweit rechnet man bis 2020 mit mehr als12 Millionen Parkinson-Kranken, in Österreich sind es derzeit 20.000, jährlich kommen 1.800 hinzu, mit stark steigender Tendenz.

Weder gegen Alzheimer, Demenz, noch gegen Parkinson gibt es wirklich effiziente und nachhaltige Therapien. Tatsache ist: Je älter die Menschen werden, umso häufiger ereignen sich neurodegenerative Erkrankungen.

Die zweitstärkste gesundheitsgefährdete Gruppe in der Bevölkerung sind die Kinder und Jugendlichen: siehe Masern, aber auch Aufmerksamkeitsstörungen, Adipositas, Diabetes etc. „Drei Stunden Bewegung statt drei Stunden Tablet-Sitzen pro Woche“, empfiehlt die WHO als Mindestmaß und „Zehn bis 13 Stunden Schlaf“, für Kinder zwischen 2 und 10 Jahren. Schlafmangel und Immobilität seien die größten Verursacher von Adipositas oder anderen führenden Störungen. Wiederum ist jene Elterngeneration anzusprechen, die ihre Kinder ohne Kontrolle surfen, chatten und gamen lassen.

Dadurch entsteht eine seltsame Widersprüchlichkeit: Einerseits Hochleistungsmedizin, die komplexe Operationen durchführt, anderseits ein sinkendes Gesundheitsbewusstsein und steigende Ablehnung der klassischen Medizin – bis man ernsthaft erkrankt. Siehe Impfen: Nach der medialen Aufregung rund um die Masernfälle in Kärnten strömten die Menschen – auch die Skeptiker – in Massen zu den Impfstellen,so dass teilweise sogar der Impfstoff ausging.

Erleben wir eine neue Zeit der Anti-Aufklärung, des Irrationalismus und hemmungslosen Individualismus. Die Medialisierung und Popularisierung von Politik und Demokratie scheint ein Anzeichen dafür zu sein.

In jedem Fall. Gesundheitsversorgung und Gesundheitserziehung werden sich möglicherweise neu ausrichten müssen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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