Pflegenotstand! Alle reden darüber, keiner tut etwas…

2,545 total views, 5 views today

Noch vor wenigen Wochen und Monaten schien Alarm angesagt: Pflegenotstand droht, wenn wir nicht rasch etwas dagegen tun. Die Regierung hat ein umfassendes Paket angekündigt, eine Enquete abgehalten, die vertröstet hat. Seitdem ist das Thema hintangestellt.

Nun hat die Bundesregierung eine Steuerreform angekündigt, die den Mittelstand und die kleinen Selbständigen entlasten soll. Gut, falls es nicht lediglich bei der Ankündigung bleibt.

Das Thema Pensionen und Pensionsvorsorge sowie Pflege und Pflegevorsorge hingegen will offensichtlich niemand anfassen.

Zu den Fakten: Derzeit betreuen mehr als 950.000 Österreicher mehr oder weniger kostenlos ihre Angehörigen. Setzt man diese Leistungen mit 1.500 € pro Monat an, so kommen pro Monat allein über 1,4 Milliarden € heraus, die sich der Staat derzeit erspart.

Die 950.000 werden in Zukunft aber weniger werden. Auch die Pflegenden sind zum Großteil schon über 50 und 60 Jahre alt und werden diese Aufgaben bald nicht mehr übernehmen können, weil sie selbst alt sind und teilweise pflegebedürftig werden.

Allein durch eine neue Berufs- und Wohnmobilität und die Fragmentierung der klassischen Familie werden in Zukunft weniger junge Menschen sich um ihre Eltern kümmern können: Weil sie zu weit entfernt, beruflich engagiert sind oder aus Puzzle- und Patchwork-Familien kommen.

Wer sich  heute eine 24-Stunden-Pflege für seine Eltern leisten, muss mit Ausgaben zwischen 4.000 und 5.000 € rechnen. Das ist weit über dem Durchschnittseinkommen österreichischer Familien.

Schon heute ist es schwierig, eine verlässliche 24-Stunden-Pflegekraft zu finden, geschweige denn eine, die exzellente Ausbildung nachweisen kann und der deutschen Sprache mächtig ist.

Auch die Pflegekräfte, die derzeit zu über 90% aus dem Ausland kommen, werden eher ab- als zunehmen. Die Ressourcen sind ausgeschöpft, die Einkommensunterschiede zwischen den ehemaligen Ostblockstaaten und Österreich werden zudem sukzessive nivelliert.

Nachwuchskräfte fehlen, auch dank absurder Gesetze. Bis heute können Jugendliche mit NMS -Abschluss keine Pflegelehre ergreifen, weil diese erst mit 17 Jahren angetreten werden kann. Also entscheiden sie sich für eine andere Berufsausbildung. Dieses Gesetz soll nun fallen.

Damit man Lehrlinge findet, muss aber Kommunikations- und Aufklärungsarbeit geleistet werden: Wie zum Beispiel in der Schweiz. Seit es dort die Pflegelehre gibt, sind die Schulen über Jahre ausgebucht, die Jobs sind heiß begehrt, weil ein Imagetransfer stattgefunden hat.

Finanzexperten und Gesundheitsökonomen des WIFO haben berechnet, dass sich der Staat eine zusätzliche Pflegeleistung durchaus leisten könnte. Ja sogar davon profitieren würde. Denn die Pflegeleistungen lösen ein volkswirtschaftliches Plus aus, das letztendlich durch Steuern für den Staat noch ein Geschäft  ist.

Und noch etwas: Alle reden ständig davon, dass man Menschen solange wie möglich zu Hause pflegen sollte. Die Wahrheit ist: 80% der Wohnungen sind nicht altersgerecht ausgestattet oder zu klein. Tagesbetreuungszentren sind nicht in genügend großer Anzahl vorhanden. Man wird auch stadtplanerisch umdenken müssen – auch das kostet vordergründig etwas, bringt jedoch Wirtschaftswachstum und Jobs.

Es muss nur endlich etwas geschehen. Und zwar rasch. Denn die Menschen werden älter, leben länger und auch die Pflegenden werden älter. Dahinter tut sich ein Loch auf.

Und jetzt: bitte keine Ankündigungen, Studien und Evaluierungen mehr, sondern Taten setzen!

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen