Sollen Ärzte weniger Freiheit haben und 60 Stunden arbeiten? Dürfen sie auch leistungsgerecht bezahlt werden.Über falsche Erwartungen und Verstöße der Gesundheitswirtschaft.

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Wenn es nach dem Willen mancher Krankenhausbetreiber – gleichgültig ob öffentlich oder privat – ginge, sollten Ärzte noch mehr arbeiten, noch weniger Freizeit haben und eher moderat verdienen: trotz einer Ausbildung, die im Schnitt zumindest ein Jahrzehnt dauert.

Sind Ärzte Verschubposten und bequem auszunutzende Dienstleister? 3x Nein.

Die Mängel im Gesundheitssystem können nicht weiter dadurch kaschiert werden, dass man Diensträder verändert, Ruhezeiten nach Bereitschaftsdiensten kürzt und zudem noch die Grundsätze des KA AZG verstößt.

Noch immer berechnen die meisten Betreiber den Personalbedarf nicht auf Basis einer 40-Stunden-Woche, sondern setzen höher an oder betreiben vornehmlich Daumen-Mal-Pi-Schätzungen. Dass man – wie in vielen anderen Unternehmen – Redundanzen einplant, davon kann schon überhaupt keine Rede sein.

Wenn es nach der Gesundheitsverwaltung geht, sollen Ärzte sich sowohl um die Patienten kümmern und ihrem Beruf nachgehen, als auch Protokolle verfassen, Befunde selbst eintippen und noch dazu ständig bereit sein, um mit den Angehörigen zu sprechen. Das geht nicht. Man kann Ärzte nicht davon abhalten, ihrem Beruf nachzugehen.

Ärzte sind auch keine weisungsgebundenen Dienstnehmer, sondern autonom in ihren Entscheidungen und ausschließlich ihren Berufsrichtlinien verpflichtet. Das scheinen manche verdrängen zu wollen.

In vielen Unternehmen ist Fortbildung geregelt und wird auch bezahlt. Im Gegenteil: Wer nicht an bezahlten Weiterbildungsangeboten (zumeist in der Dienstzeit) teilnimmt, kann sich jegliche Karrierehoffnungen abschminken.

Ärzte brauchen Fortbildung noch in einem größeren Ausmaß. Teilnahmen an Kongressen sind unerlässlich für die Wissensaneignung. Von bezahlten Fortbildungswochen ist seitens der meisten Betreiber keine Rede. Ärzte sollen selbst bezahlen und dazu Urlaub nehmen – so die weit verbreitete Ansicht. Das gilt auch für die Unis: Der Großteil der Forschungsarbeit wird in der Freizeit und schlecht honoriert getätigt.

Und zuletzt: Ist es legitim, wenn Ärzte ab den mittleren 30er Jahren mehr verdienen als andere Berufstätige, die nicht diese Verantwortung haben, zum Großteil um zumindest ein Drittel weniger arbeiten und zumeist schon ab Mitte 20 tätig sind, sodass sie sich eine langfristige Lebensplanung leisten können?

Und warum sieht die Gesundheitspolitik nicht ein, dass Investitionen in die Gesundheitsversorgung – auch in qualifiziertes Personal – sich mehrfach rechnen, volkswirtschaftlich gesehen.

Die Privaten wissen das und wollen das öffentliche Gesundheitssystem aushöhlen: Die Rosinen an die Privaten, das Unangenehme an die öffentlichen Systeme. Das geht nicht.

Und das heißt: Ärzte ordentlich bezahlen, sie bürokratisch entlasten, sie zur Fortbildung nicht nur motivieren, sondern diese auch bezahlen. Und vor allem: Zu berücksichtigen, dass die junge Generation von Ärzten auch Anrecht auf Work-Life-Balance hat.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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