Eine App auf Rezept? Deutschland will Apps per Krankenkassen verschreiben lassen. Ein Wagnis!

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Ein Online-Tagebuch für Diabetiker, Anleitung zum Turnen für Schwangere, Rehab-Tools als digitale Pflichtenhefte.. Das soll es in Zukunft auf Krankenkassenkosten geben – angeblich zur Entlastung der Ärzte. An Datenschutz denkt offensichtlich niemand mehr. Man hat vor Apple, Facebook und Co. längst kapituliert.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn ist in letzter Zeit durch vollmundige Reformsagen zum Thema Gesundheit aufgefallen. „Der Patient von morgen wird keinen Arzt mehr nehmen, der nur noch über Karteikarten arbeitet.“ Dazu muss man anmerken, dass es in Deutschland bislang noch nicht einmal eine flächendeckende E-Card gibt, wie es sie in Österreich seit Jahren gibt. 2012 soll sie, so hofft man, kommen – gewissermaßen als ELGA Light.

Tatsache ist, dass derzeit nur etwa ein Drittel der niedergelassenen Ärzte über endverschlüsselte IT-Systeme verfügen.

Hackern wäre Tür und Tor geöffnet, und dass App-Anbieter mit ihren Daten nicht gerade übervorsichtig umgehen, weiß man: Von Google Health bis Apple werden derzeit weltweit etwa 600.000 Gesundheits- und Fitness-Apps angeboten, die wenigsten davon sind zertifiziert.

In Deutschland ist jetzt schon Telemedizin gestattet, mit den fatalen Folgen, dass man sich via App krankschreiben lassen kann, was ein Sturm von Protesten, nicht zuletzt auch seitens der Ärzteschaft ausgelöst hat.

Offensichtlich befinden wir uns an einer gefährlichen Schnittstelle: Hier die Technologie-Freaks, dort die vorsichtigen, praxiserfahrenen Ärzte, die als Maschinenstürmer abgetan werden. Ein Gesundheitsminister, der sich für fortschrittlich hält, und Krankenkassen, die nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Wie sollen sie mit den App-Herstellern verhandeln? Welche Sicherheitsrisiken müssen vermieden werden? Und das in Zeiten, wo die Hacking-Methoden immer raffinierter werden und Datenweitergabe nicht mehr kontrollierbar ist, da die Internetgiganten Monopolcharakter haben.

Klar ist: Ohne Datensysteme und Big Data kann medizinische Forschung nicht mehr betrieben werden, ohne bildgebende Verfahren geht gar nichts mehr.

Aber das simple Delegieren von ärztlichem Grund-Knowhow und begleitender Kontrolle, das Verlagern des Vertrauensfaktors und der Empathie in KI-Systeme ist sicher kein Fortschritt.

Man müsste mehr aufklären, endlich die Ordinationen mit guten Breitbandverbindungen ausstatten (und zwar ohne die Ärzte finanziell zu belasten) und eine Art App-Zertifizierungsstelle einrichten.

Dann tritt ein, was der Wunsch vieler ist: Dass Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben.

Mit vollmundigen, wenig durchdachten Sprüchen wird man diese Ziele nie erreichen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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