Internet- und Gaming-Sucht sind Krankheiten.Wer zahlt die Therapie? WHO überarbeitet ICD-Katalog neu.

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Das Digitale   Zeitalter bringt neue Krankheiten, meint die WHO. Erstmals werden nunmehr Internetsucht und Gaming-Sucht als Krankheiten bezeichnet. (6D11 Gaming Disorder). Das ist Fortschritt und Symptom zugleich. Gesundheitsversorgung und Medizin müssen sich auf neue massenhafte Krankheiten einstellen – das gilt auch für die Leistungskataloge der Ärzte und Krankenkassen.

In Deutschland bekommt man Health Apps auf Krankenkassenkosten, wie es mit Internet- und Gaming-Sucht aussieht, weiß man noch nicht. Fakt ist– um eine andere Zivilisationskrankheit zu nennen –, dass sich die Burn-Out-Diagnosen in den vergangenen Jahren signifikant erhöht haben. Ebenso die Diagnose von ADHS. Die Frage dabei stellt sich: Sind das „neue“ Namen für „alte“ Krankheiten, werden damit bislang vorherrschende Tabus camoufliert. Wer will schon die Diagnose Depression bestätigt wissen oder eine andere psychische Krankheit.

Burn Out hingegen gilt als gesellschaftlich anerkannt. Bei ADHS ist es ähnlich – kaum ein anderes Medikament wurde in den vergangenen Jahren in derart steigendem Ausmaß an Kinder und Jugendliche verschrieben, wie Ritalin.

Klar ist, dass Krankheitskataloge ständig angepasst werden müssen und Krankenkassen – zumindest in unseren flächendeckenden Systemen – ihre Leistungskataloge laufend neu definieren müssen.

Hier sind wir am Punkt: Alle diese „neuen“ Krankheiten verlangen nach Allgemeinmedizinern und Fachärzten, die neben einer exzellenten Ausbildung vor allem eines haben: Zeit und Fähigkeit der Zuwendung.

Für diese Zuwendung müssen sie aber auch dementsprechend honoriert werden. Und exakt dafür herrscht kaum Verständnis in der Politik und bei den Kassen. Sie haben immer noch das klassische, medikamentenfokussierte oder interventionistische Versorgungssystem im Kopf.

Wenn man Sozialversicherungen reformieren wollte, dann muss man über eine Organisationsreform hinausgehen. Zum Beispiel ernsthaft diskutieren wie ein neuer Leistungskatalog aussehen könnte, welche volkswirtschaftlichen und -gesundheitlichen Auswirkungen neue Krankheiten haben könnte. Und vor allem: Wie man möglichst viel Geld in Prävention und Aufklärung investiert.

Dass Computer- und Gaming-Sucht zunehmen werden, liegt auf der Hand. Die Durchmedialisierung der Gesellschaft und das Overnewsing sind nicht abzustellen. Abhängigkeiten entstehen durch unterschiedliche Ursachen: familiäre, soziale oder massenurbane Phänomene, Isolation durch virtuelle Kommunikation, etc.

Eines ist zu begrüßen: Dass die WHO, ein behäbiger Tanker, Akzente setzen will. Und sich bewegt.

Wir sollten das Thema offen diskutieren. Und aus auch bewegen.

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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