Wie teuer dürfen Medikamente sein? Eine neue Gesundheitsökonomie der vielen Klassen? Oder ein uneingeschränktes Bekenntnis zur öffentlichen Gesundheitsversorgung – ohne Kostenbremse?

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Novartis hat vor wenigen Tagen die US-Zulassung für die teuerste Arznei erhalten. Eine Zulassung für Europa könnte im kommenden Jahr folgen. Der Preis: etwa 2 Millionen Dollar pro Einmaldosis Zolgensma zur Behandlung von Spinaler Muskelatrophie (SMA). Vor allem bei Kindern unter 2 Jahren. Können, sollen wir uns das leisten? Kann und darf eine öffentliche Kasse das finanzieren? Eine Diskussion über Kostengrenzen in der Medikation flammt wieder auf. Debatten gab es auch in vergangenen Jahren schon. Etwa bei einem Medikament zur Bekämpfung von Hepatitis C.

Dass die Gesundheitskosten in den letzten beiden Jahren vor dem Tod eines Menschen am höchsten sind – und zwar signifikant – ist seit längerem bekannt. Das ist auch logisch, vor allem, wenn man, was korrekt wäre, auch die Pflegekosten hinzuzählen würde.

Wenn man sich die Bilanzen der großen Pharmakonzerne ansieht, da bemerkt man für 2019 nicht nur deutlich steigende Wachstumsprognosen, sondern auch satte Gewinne für das Jahr 2018. 3,9 Milliarden Nettogewinn der Medikamentensparte von Pfizer, 2,9 Milliarden für Merck & Co., 14 Prozent Umsatzplus im ersten Quartal 2019 bei AstraZeneca, 10 Prozent bei Roche, 8 bei Johnson & Johnson und 7 bei Novartis.

Der technische Fortschritt in der Medizin und auch der pharmakologische Fortschritt sind phänomenal, dazu kommen die revolutionären Erkenntnisse aus der Genetik, Epigenetik und Biogenetik. Und das gewaltige Wissenspotenzial das in riesenhaften Datenbanken angereichert ist. Es gibt auch keine Einzelforschung mehr, sondern ausschließlich Kooperationen, selbst zwischen konkurrierenden Unternehmen. Forschung ist teuer. Muss sie sich zwanghaft rechnen?

Vor allem aber geht es um die Frage: Wer soll welche teuren Medikamente bekommen? Welche Parameter gibt es? Für Transplantationen der Lungen etwa gibt es eine europaweite Datenbank, die aufgrund von objektiven Kriterien Organe zuteilt.

Wie tut man das bei Medikamenten? Soll ein Kind oder ein 40-Jähriger eher ein Medikament erhalten als beispielsweise ein 80-jähriger Raucher, der auch Alkohol konsumiert? Darf man moralische, ethische Grenzen einziehen? Und vor allem: Darf man kontingentieren und privatisieren?

Wer über Gesundheit und Gesundheitssysteme redet, kann an diesem Problem nicht vorbei. Wenn Gesundheitsökonomen von Rationalisierung reden, meinen sie zumeist auch Rationierung, ohne es konkret zu sagen. Dann gibt es halt nur ein bestimmtes Quantum an Hüften oder Kniegelenken. Wenn das verbraucht ist, heißt es warten – auf das nächste Jahr oder bis zum St. Nimmerleinstag.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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