Das Ende des Honorararztes im Krankenhaus? Deutsches Bundessozialgericht verlangt: Anstellen. Der Unmut wächst.

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Krankenhäuser dürfen in Hinkunft Honorarärzte als Freiberufler nur mehr extrem  kurzfristig einsetzen. Andersfalls müssen sie in Zukunft Ärzte befristet anstellen und auch Arbeitgeberabgaben zahlen. Viele Kliniken sehen sich mit millionenhohen Steuernachzahlungen  konfrontiert. In Österreich kennt man Honorarärzte in Krankenhäusern -noch -nicht. Dafür aber gibt es Vertretungsregeln in Ordinationen und seit neuem die Möglichkeit, dass Ärzte Ärzte anstellen.

Die Versorgungslücken in Deutschland dürften in Zukunft größer werden, wenn Ärzte als Freiberufler nicht mehr oder nur bedingt arbeiten dürfen.

Honorarärzte, die zeitlich begrenzt Personalmängel in Krankenhäusern als freiberuflich Tätige abdecken, gibt es in Deutschland viele. Es gibt sogar eigene Agenturen, die Ärzte und Pflegekräfte an Krankenhäuser vermitteln. Das System hat sich – offensichtlich zur Zufriedenheit sowohl der Betreiber von Krankenhäusern, der Kassen und Ärzte – bewährt. Lücken konnten abgedeckt, Versorgungsengpässe geschlossen werden. Laut Verband der Honorarärzte greift jede zweite Klinik auf freiberufliche Mediziner zurück.

Offensichtlich wurde das System teilweise überspannt. Aus der zeitlichen Begrenzung wurde in einigen Fällen eine Langzeitverpflichtung.

Die deutschen Ärzte – es dürften etwa 7.000 bis 9.000 Honorarärzte sein – stemmen sich gegen diese neuen Regelungen. Sie argumentieren, dass Ärzte freie Berufe sind und weisen darf hin, dass das Switchen von einer Klinik zu dem anderen auch enormen Know-How-Zuwuchs bedeutet und permanente Weiterbildung sei. Eine Zwangsanstellung sei, so argumentieren sie, ein Eingriff in ihre Freiheit als Selbstständige.

Die Klinikbetreiber – gleichgültig ob öffentlich oder privat – befürchten eine deutliche Verteuerung und Verkrustung des Systems. Und erwarten – wie auch die Ärzte – eine weitere Schwächung der Vollversorgung, angesichts eines ohnehin eklatanten Ärztemangels.

Das grundsätzliche Problem ist in den meisten europäischen Ländern gleich: Es gibt zu wenig Ärzte, es gibt zu wenig Nachwuchs, es fehlt an Pflegekräften. Der „operative Gesundheitsapparat“ ist zudem stark überaltert, ebenso wie die Gesamtbevölkerung.

Überall in Europa steigen die Patientenzahlen und damit die Kluft zwischen Ressourcen und Bedarf.

Die Frage ist, ob zusätzliche gesetzliche Einschränkungen die Situation nicht eher verschlechtern als verbessern.

Eines steht fest: eine tiefgreifende Reform des Gesundheitswesens ist in nahezu jedem EU-Staat notwendig. Auch in Österreich. Wir leben nicht auf der Insel der Seligen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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