Und nun? Stillstand oder Sacharbeit neu? Gesundheitspolitik muss Vorrang haben!

415 total views, 5 views today

Kenner gehen davon aus, dass es vor Weihnachten keine neue Regierung geben wird. Wir müssen (dürfen) mit einem halben Jahr Expertenregierung rechnen, die selbst angekündigt hat, keine eigenen Initiativen zu setzen. Also ist das freie Spiel der Kräfte im Parlament gefragt: wie beim Rauchen wo man sich hoffentlich bald für ein Verbot in der Gastronomie entscheiden wird. Was aber geschieht mit den anderen, lange fälligen Reformen: Behebung des Ärztemangels, Umsetzung der Best Points of Service, Stärkung des Allgemeinmediziners, mehr Ressourcen für Krankenhäuser und im Pflegebereich.

Zu befürchten ist Stillstand. Man könnte diese Zeit aber zumindest nutzen, um sozialpartnerschaftlich miteinander zu reden. Gemeinsam einen Plan entwickeln, der ab 2020 sukzessive umgesetzt werden kann. Noch ist die Sozialpartnerschaft ja nicht abgeschafft.

Dass der Gesundheitsbereich mehr – bedeutend mehr – Geld braucht, als ihm zugestanden wird, erscheint logisch. Und ist ein volkswirtschaftliches Win-Win. Nirgendwo wächst der Markt so verlässlich und kontinuierlich wie im Gesundheitssegment. Und nirgendwo ist der Faktor Mensch so entscheidend wie hier.

Die WHO hat vor kurzem angekündigt, dass der ICD-Katalog erweitert und umgekrempelt wird. Internet- und Spielsucht gelten ebenso als Krankheit wie Burn Out. Das hat – versicherungs- und versorgungstechnisch – enorme Folgen für unser Gesundheitssystem. Die persönliche Zuwendung wird noch wichtiger, neue Therapieformen werden sich etablieren. Die Zahl der chronisch kranken Menschen wird steigen. Das bedeutet auch: mehr Pflege- und Reha-Angebote, mehr begleitende Therapien, beispielsweise durch Fachärzte, mehr tagesklinische Angebote und neue Kooperationsformen zwischen Gesundheitsversorgung und Unternehmen.

Vor allem aber droht mit der demoskopischen Keule auch der Pflegebereich außer Kontrolle zu geraten. Nahezu 1 Million ÖsterreicherInnen pflegen derzeit ihre Angehörigen, Nachbarn, Freunde kostenlos. Viele davon sind heute schon Pensionisten und eine erkleckliche Anzahl sind alleinerziehende Frauen, Kinder und Jugendliche, die mehrfach belastet werden. Der Pflegeregress wurde zwar abgeschafft – aber über die Folgen hat kaum jemand nachgedacht.

In der Pflege muss rasch gehandelt werden. Denn auch hier kommen neuen Herausforderungen auf uns zu, für die es kaum Einrichtungen gibt. Die Anzahl der Demenzkranken steigt dynamisch, und auch die Parkinson-Erkrankungen haben zweistellige Zuwachsraten. Wie eine Gesellschaft damit umgeht, weiß kaum jemand zu beantworten.

Faktum est: Herausforderungen über Herausforderungen. Das bedeutet: Nutzen wir jetzt die Zeit, um einen Maßnahmenkatalog auszuarbeiten, der einer künftigen Regierung unterbreitet wird. Gewissermaßen ein konkretes Papier von Fachleuten.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen