Sommerloch? Pflegeloch? Wie viel Pflege brauchen wir? Und wie viele Ärzte?

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Die Diskussion um Ärztemangel – manche Unverbesserliche sprechen immer noch von Überschuss – und das Thema Studienplätze flammt wieder auf. Ebenso wie jene um die Finanzierung der Pflege. Man kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass es sich großteils um Sommertheater handelt.

Es beginnt die Urlaubszeit. Auch Ärzte und Pflegekräfte haben Anspruch auf Urlaub – noch dazu, da sie im Schnitt wesentlich längere Arbeitszeiten haben und mehr gestresst sind als einen Großteil der übrigen Erwerbstätigen in Österreich. Urlaubszeit heißt auch: mehr akute Verletzungen, gerade in den Urlaubsdestinationen

Und noch weniger Personal in den städtischen Krankenhäusern. Das hängt auch damit zusammen, weil wir in der Gesundheitsversorgung nicht redundant denken. Krankheiten lassen sich nicht planen und Heilungsverläufe auch nicht. Unfälle passieren.

Krankenhäuser können nicht einfach auf Urlaub gehen oder vorübergehend schließen, wie es zahlreiche Fabriken im Sommer machen. Krankenhäuser können auch nicht auf Kurzarbeit umstellen. Sie müssen 24-Stunden und 365 Tage in Betrieb sein.

Diese Erwartungshaltung stellen viele Patienten auch an den niedergelassenen Bereich. Die Verwunderung ist groß, dass das nicht möglich ist.

Viele ausschließlich ertragsorientierte  Gesundheitsökonomen sprechen von falscher Verteilung. Sie argumentieren, es gäbe mehr als genug Ärzte, sie seinen nur falsch verteilt. Nun lässt sich Gesundheitsversorgung aber nicht verordnen. Man kann Ärzte und Pflegekräfte nicht am Reisbrett herum schieben oder ihnen Fächer zuweisen wollen, die nicht ihrer Ausbildung entsprechen.

Nochmals. Gesundheitsversorgung muss uns etwas wert sein. Ohne Einschränkungen. Das gilt für Pflege, Vorsorge und akute Gesundheitsversorgung ebenso wie für Prävention und Gesundheitserziehung.

Experten haben immer wieder vorgerechnet, dass wir uns ein redundantes, offensives, öffentliches Versorgungssystem ebenso locker leisten können, wie eine fundierte Pflegeversicherung, wie immer sie auch heißen möge.

Es fließen täglich Milliarden in Projekte, deren sozialer und gemeinwirtschaftlicher Nutzen fraglich ist. Ob im Verkehr oder in anderen Prestigeprojekten. Notwendig wäre: Umverteilung in Richtung Gesundheit.

Denn selbst die freie Marktwirtschaft weiß: Gesundheit ist ein verlässlicher Wachstumsmarkt mit verlässlichen Renditen. Und ein guter Gesundheitszustand in der Bevölkerung reduziert volkswirtschaftliche Ausfälle.

Warum redet man dann andauernd vom Sparen, von Einschränkungen und Kontingentierung? Das wäre eine Sommerdiskussion wert.

Tuen statt polemisieren!

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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