Wir haben einen eklatanten Kassenarztmangel ! Gegenlaufende Statistiken sind falsch oder inkomplett .

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Immer wieder wird behauptet in Österreich gäbe es, gemessen am europäischen Schnitt, ohnehin genügend Ärzte. Das mag stimmen. Allerdings, nur dann, wenn man außer Acht lässt, wie viele davon halbtagsbeschäftigt sind, dass auch Ärzte in Ausbildung hinzugezählt werden und, dass es zumindest 1200 bis 1300 Kassenärzte zu wenig gibt: vorwiegend im allgemeinmedizinischen Bereich aber auch in bestimmten Fachbereichen: Pädiatrie, (Kinder)Psychiatrie, Dermatologie, etc. Das gilt es festzustellen. Und zu korrigierten

Die Mehrzahl der österreichischen Ärzte sind Krankenhausärzte und niedergelassene Wahlärzte, die mittlerweile wesentlicher Teil der Gesundheitsversorgung sind. Vor allem dort, wo man keine Allgemeinmediziner für Kassenverträge findet und dort, wo die Überlastung so hoch ist, dass es zu sehr langen Warezeiten kommt. Vor allem in Wien und in den anderen Hauptstädten. Dafür müssen Patienten zusätzlich zahlen.

Was wir brauchen sind Kassenärzte und genügend Krankenhausärzte. Und in beiden Segmenten sieht es schlecht aus: einerseits die anstehende Pensionierungswelle der Baby-Boomer-Generation, anderseits die Tatsache, dass schon jetzt viele Stellen nicht besetzt sind. Das gilt für Krankenhäuser ebenso wie für Ordinationen.

Die Gründe sind vielfältig: es geht aber nicht nur ums Geld. In Österreichs Krankenhäusern wird im Vergleich zu den Nachbarländern schlechter bezahlt und mehr gearbeitet, bei schlechteren Rahmenbedingungen. Es gibt keine Flexibilität: vor allem bei Teilzeitbeschäftigung oder beim Teilen von Ordinationen.

Es gibt kaum Kinderbetreuungsstellen für Kinder von Ärztinnen und pflegerischem Personal. Eine niedergelassene Ärztin, die sich ein Kind wünscht, kann kaum in Karenz gehen, weil sie schwer Ersatz findet.

Ehepaare oder Lebensgemeinschaften, die aufs Land gehen, werden in der Regel davon abgehalten, dass es für den nicht-ärztlichen Partner kaum adäquate Jobs gibt, dass es wenige Weiterbildungsangebote gibt und zudem der Verantwortungsdruck sehr hoch ist.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Wenn der Staat nicht mehr Geld in die Hand nimmt, schaut es um Österreichs Gesundheitsversorgung künftig nicht mehr so gut aus. Vor allem der Zugang zur Spitzenmedizin für alle scheint gefährdet . Die fehlende Dichte in der Primärversorgung führt zu einem weiteren Ansturm auf Ambulanzen in den Spitälern.

Das heißt:  Erhöhung der Ausgaben auf 12 Prozent des BIP (ein Plus von etwa 8 Milliarden Euro) für das Gesundheitssystem (kurz bis mittelfristig ), attraktivere Honorierung für Ärzte – im allgemeinmedizinischen aber auch im Krankenhausbereich –, Etablierung des Facharztes für Allgemeinmedizin, und vor allem: eine effiziente Lenkung der Patientenströme. Ziel muss sein, dass der Patient dort erstversorgt und behandelt wird, wo es für ihn am einfachsten, effizientesten und für das Gesamtsystem am besten ist. Das kann der Hausarzt sein, das kann eine niedergelassene Ambulanz im Krankenhaus sein, eine Ambulanz im Umfeld der Krankenhäuser oder eine PVE.

Tatsache ist: es muss etwas geschehen. Und zwar rasch.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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