Toleranz oder die Freiheit des anderen. Den Staat und die Verwaltung stärken.Über die neue Alltags-Aggression, verbale Entgleisungen und falsches Sparen im öffentlichen Dienst.

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Immer mehr Patienten kommen mit einer fix und fertigen, Google und Ratgeber basierten Eigen Diagnose zum Arzt. Und wollen nichts anderes als eine Bestätigung darüber, dass sie recht haben. Und eventuell das Medikament, das sie selbst vorschlagen. Wenn der Arzt sich zurecht weigert. werden sie aggressiv. Sie sind der Kunde. Der ist bekanntlich König.

Und es gibt immer mehr Menschen, die scheinbar aus dem nichts heraus aggressiv werden – verbal oder handgreiflich – und ihren Dampf bei Autoritäten ablassen: Lehrer. Ärzte, Polzisten und andere Ordnungshüter. Diese sind zumeist überrascht. Und stellen die Frage: wie konnte es soweit kommen.

Physische Auseinandersetzungen zwischen Radfahrern, Scooter-Fahrern und Fußgängern sind an der Tagesordnung, nahezu täglich werden Zusammenstöße und teilweise gefährliche Verletzungen referiert. Hunde werden nicht an der Leine gehalten – Kinder und harmlose Passanten sind ihnen hilflos ausgesetzt. Und wenn es Straferlässe gibt, werden die Hundehalter aggressiv. Shitstorms im Web sind die Folge.

Viele Experten sehen in der steigenden Alltagsaggression zwei Hauptmotive : das Gefühl vieler Menschen dass sie zu den sozialen Verlieren zählen und Angst vor dem Absteigen und Ausgeschlossensein haben, und die scheinbare Freiheit und Selbstbestimmung, die soziale Medien ihnen vermitteln. Shitstorms und Hassorgien im Web bleiben meist ungeahndet. Im Gegenteil, sie werden von tausenden bestätigt. So entstehen Echokammern und die verbale Gewalt schlägt bald in physische um, wenn Menschen mit Stress- und auch Wartesituationen nicht zurecht kommen.

Was man dagegen tun kann: Aufklären und strafen. Und Strafen auch exekutieren. Das ist kein Ruf nach einem Ordnung -und Verbotsstaat sehr wohl aber ein demokratischer Apell.

Und ein Aufruf an die Betreiber von sozialen Medien, die sich immer dann gerne unschuldig zurückziehen, wenn man sie inhaltlich kritisiert. Dann sind sie plötzliche keine Social Media Betreiber mehr, sondern reine technische Interaktions -Dienstleister.

In jedem Fall kann man nicht zusehen, dass die körperlichen Attacken auf Ärzte derart signifikant und alarmierend ansteigen, dass Krankenhäuser zu Orten tätlicher Auseinandersetzungen, Raub oder Diebstahl werden oder Lehrer von halbwüchsigen Kindern mit dem Klappmesser bedroht werden. Und keine rechtliche Handhabe haben.

Eine Zivilgesellschaft, die den demokratischen Diskurs aufrechterhalten will, muss diese Demokratie auch verteidigen: durch strengere Gesetze. Und Belohnung von Zivilcourage.

Wenn man aber ständig gerade dort spart, Wo öffentliche Dienstleistungen erbracht werden, weil man für den sogenannten schlanken Staat ist, dann kann das Sparen ins Gegenteil kippen.

Die ausgedünnte Verwaltung und   sinkende öffentliche Vorsorgeleistung frühen zur Gewalt. Und aus dem Sparstaat wird ein hilfloser Staat.

Deshalb: Bitte mehr Ärzte, mehr Pfleger, Mehr Sozialarbeiter, mehr gut ausgebildete Lehrer . Und für alle: gerechte und wertschätzende Bezahlung.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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