Masernfälle häufen sich. Wir müssen etwas tun! 134 Masernerkrankungen im ersten Halbjahr, 77 im gesamten Vorjahr.

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Die Zahl der Masernerkrankungen wird sich heuer im Vergleich zum Vorjahr wahrscheinlich mehr als verdoppeln. 2018 waren es EU-weit 12.790 Fälle, mit stark steigender Tendenz. Zudem hat eine Studie des britischen Wohlfahrtsinstitutes Wellcome ergeben, dass die größten Impfskeptiker und -gegner in wohlhabenden Staaten leben. Je reicher, umso weniger Impfbereitschaft. Eigentlich ein Paradoxon.

Längst ausgerottet scheinende Krankheiten wie Masern, Mumps aber auch Kinderlähmung breiten sich wieder aus – vor allem in sozial hochentwickelten Ländern mit funktionierenden Gesundheitssystemen. Die Hauptursache: Eltern, die sich weigern ihre Kinder impfen zu lassen. Immer wieder poppt auch  die Impfdebatte auf, vor allem dann, wenn es sich um spektakuläre Fälle handelt, die sich medial gut verwerten lassen können.

Es gibt immer mehr Initiativen, die eine Impfflicht oder eine Verknüpfung des Impfnachweises für den Bezug von sozialen Zuwendungen fordern.

Die Regierung bislang hat alles abgelehnt. Und zwar mit der Begründung, die Impfpflicht sei ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und -freiheit des Einzelnen. Dieselbe Politik aber setzt immer mehr Verbote durch, die ebenfalls eine Beeinträchtigung der Freiheit bedeuten. Wird da mit zweierlei Maß gemessen?

Die Anti-Impf-Lobby war bislang sehr einflussreich, mittlerweile weigern sich sogar Suchmaschinen wie Google oder Social Media Plattformen wie Facebook, irrationalen Meldungen von Impfgegnern Raum zu bieten und löschen sie sofort. Vielleicht bringt das mittelfristig etwas. Doch etwas tun muss man jetzt.

Erstens und logischerweise müssen sich alle Menschen, die beruflich mit Menschen zu tun haben – Mitarbeiter im Gesundheitswesen, im öffentlichen Verkehr, in Behörden, Lehrer, etc. – gegen Masern impfen lassen, weil sie andere Unschuldige möglicherweise  gefährden und somit  derenGesundheit – und auch Freiheit – aufs Spiel setzen.

Zweitens müssten Impfnachweise mit der Erlaubnis zum Besuch von öffentlichen Schulen, Universitäten, etc. verknüpft sein, wie dies in vielen Ländern der Fall ist.

Und Drittens sollte man zumindest den Mutter-Kind-Pass mit den Impfnachweisen verknüpfen.

Am meisten gefährdet an Masern zu erkranken sind Kinder und diejenigen, die eine zweite Impfung vergessen haben, also etwa Eltern von Kindern.

Die Durchimpfungsquote liegt in Österreich bei niedrigen 85 Prozent. Sie müsste relativ rasch um 10 Prozentpunkte erhöht werden, um das weitere Ausbreiten von Masernfälle zu verhindern. Das ist keine übertriebene Warnung, sondern Notwendigkeit.

Die Ärztekammer hat sich für die Einführung einer Impfpflicht – nach langen Diskussionen – ausgesprochen und schlägt Maßnahmen, wie die obigen vor. Diese sollten zumindest bei der Politik Gehör finden.

Es ist in der Tat paradox, dass man im 21. Jahrhundert mit Argumenten arbeitet, die aus dem vorigen und vorvorigen Jahrhundert sind. Irrationalismus hat in der Gesundheitsdiskussion nichts zu suchen. Dazu ist das Thema zu wichtig.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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