Geld für gesundes Leben? Experten diskutieren über Prämien für Rauch- und Trinkentzug.

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“Financial Incentives for Smoking Cessation ”, also Geldprämien für jene, die mit dem Rauchen endgültig aufhören, ist der Titel einer Metastudie der University of East Anglia, die mehr als 30 einschlägige Studien vergleicht und auswertet. Die Empfehlung: Geldprämien für Rauchentzugswillige heben die Erfolgsrate deutlich. Generell gesagt: Geld für gesünderes Leben spart a la lounge Kosten im Gesundheitssystem. Positives Nudging nennt man das. Ist das sinnvoll – oder absurde Konsequenz einer Konsum- und Reparaturgesellschaft?

Seit Jahren finden regelmäßig Initiativen statt, die Menschen motivieren sollen, gesünder zu leben, früher vorzusorgen und mehr Bewegung zu betreiben. Die SVA beispielsweise lockt mit Gutschriften auf Versicherungszahlung, wenn Patienten sich regelmäßig untersuchen lassen und selbstverantwortlicher leben.

Die Vorarlberger Ärztekammer überlegt Boni für Patienten, die konsequent zuerst zu ihren Hausarzt gehen, statt in eine Spitalsambulanz oder direkt zu einem Facharzt.

In Großbritannien wird ernsthaft erwogen, Rauchern, die aufhören wollen und es über lange Zeit auch tun, Geld zu bezahlen. Als Motivation für ein gesünderes Leben.

Es soll sich auch ökonomisch rechnen. Denn jeder achte bis zehnte Todesfall (in den EU-Ländern) ist auf Rauchen zurückzuführen. Und Rauchen ist der hauptsächliche Grund für Lungenkrebs. Die Behandlung von chronischen Krankheiten oder Krebs kosten dem Gesundheitssystem viel Geld. Je weniger Raucher– und damit potentielle Kandidaten für Lungenkrebs– umso geringer sind die Ausgaben des Gesundheitssystems.

Bleibt eine generelle Frage: Wären Menschen nicht ohnehin selbst für ihre Gesundheit verantwortlich? Muss gesundes Leben, das eigentlich jeder im eigenen Interesse anstreben sollte, auch noch mit Geldprämien forciert werden?

Wird es demnächst Prämien für Menschen geben, die auf Alkohol verzichten oder ausschließlich ungezuckerte Getränke zu sich nehmen? Sind die vielen Verbote, Gebote oder Förderungen nicht Entmündigung des vernunftbegabten Menschen?

Vorsorge ist wichtig und anstatt Prämienzahlungen zu überlegen, könnte man bei der Basis beginnen. Nämlich mit der verpflichtenden Gesundheitserziehung sowie Ernährungskunde in allen Pflicht- und Vorschulen, mit der gesetzlicher Verankerung der täglichen Turnstunde und mit Gesundheitsförderprogrammen in den Unternehmen. Das beginnt bei der Betriebsküche und endet bei ergonomisch, idealen Arbeitsplätzen. Es müssen nicht gleich verordnete, gemeinschaftliche Turnübungen sein wie in Japan oder Korea.

Eines aber ist klar: Solange wir immer noch von einem Krankenkassensystem ausgehen, statt von einem integrierten Gesundheitssystem, wird das Umdenken bei den Einzelnen nicht stattfinden.

Und ebenso klar ist, dass trotz vielfältigem Angebot, trotz Fitness- und Wellnesswelle der Gesundheitszustand der österreichischen Jugend schlechter ist, als in den meisten anderen OECD-Ländern. Und, dass der  Anteil an bewegungsarmen, fetten bis adipösen Kindern  in den sogenannten Wachstumsstaaten, wie China, Brasilien sowie in vielen fernöstlichen Staaten höher ist als etwa in Frankreich Spanien oder Deutschland ist.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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