Angst ist ein schlechter Therapeut ! Alltagsaggression und Gewaltdelikte verunsichern und verängstigen Ärzte und Pfleger.Schluss damit !

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Es sind keine Einzelfälle. Die Zahl der Gewalttaten und aggressiven Angriffe auf Ärzte steigt. Erst jetzt wird sichtbar, wie groß die Betroffenheit ist – und wie hilflos Ärzte und Pfleger Patienten oder deren Angehörigen gegenüber stehen, die blind vor Wut, Zorn oder Unverständnis handgreiflich werden.

Im KAV wurde diese Tatsache lange verdrängt. Und viele Ärzte und Pfleger haben geschwiegen – teilweise aus Angst. Jetzt aber ist das Problem öffentlich geworden. Man verspricht Polizei und Schutz, will die Eingänge zu den Krankenhäusern besser kontrollieren, Überwachungskameras installieren und Mediationsausbildung forcieren. Spät, aber doch.

Aber man weigert sich hartnäckig, voraus zu denken und  das Übel bei den Wurzeln zu packen. Und das heißt schlichtweg: Personalmangel!

Die prekäre Personalsituation an den Wiener Krankenhäusern ist nichts Neues. Schon vor Jahren haben die Ärzte öffentlich protestiert: für mehr Planstellen, gegen Nichtnachbesetzungen von Posten, für gerechte Diensträder, die planbare Freizeit ermöglichen. Und vor allem für eine professionellere Ausbildung. Und für Wertschätzung-materiell und immateriell.

Gerade junge Ärzte werden oft allein gelassen. Woher sollen sie die Erfahrung im Umgang mit schwierigen Patienten haben? Wie sollen Ambulanzärzte reagieren, angesichts übervoller Warteräume und zunehmend aggressiver Stimmung unter den Wartenden?

Gewalttaten entstehen oft aus dem Nichts heraus, oft ohne ersichtlichen Grund. Plötzlich steht einer mit dem Messer da. Oder weigert sich, sich von einer Ärztin behandeln zu lassen. Es wurden schon Behandlungsräume demoliert, Ärzten mit der Tötung gedroht.

Angst ist ein schlechter Therapeut. Und ein verunsicherter Arzt, eine verängstigte Pflegerin kann sich nur mehr schwer konzentrieren. Der Druck wird immer größer: Vor der Tür warten dutzende Patienten, die alle sofort drankommen möchten. Wartende schreien, beleidigen einander, die Stimmung heizt sich auf – und entlädt sich dan.

Jeder geschulte Psychologe weiß, dass Wartesituationen zu Spannungen führen. Damit sind wir wieder bei der Grundfrage: Wir brauchen genügend qualifiziertes Personal, das in Ruhe arbeiten kann und auch Zeit findet, sich den Patienten anzuschauen, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Schließlich ist der ärztliche Berater Humanmediziner.

Wenn es nicht genügend Mediziner gibt, rückt das „human“ in den Hintergrund. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wenn man nicht rasch 300 bis 400 Stellen zusätzlich schafft, Nachbesetzungen auch prompt vornimmt, und gleichzeitig beginnt, die Patientenströme zu regeln, wird sich an den spannungsgeladenen, gewaltbesetzten Vorfällen wenig ändern.

Im Gegenteil: Man wird noch öfter von Übergriffen berichten müssen.

Deshalb: Mehr Wachpersonal ja, mehr Polizei auch, und vor allem auch eine stringentere Bestrafung der Täter. Gewalt gegen Ärzte und Pflegepersonal muss als Schwerverbrechen geahndet werden.

Zugleich aber: Ausreichend Fachpersonal an Wiens Spitälern. Und in Ärzte investieren, statt Stellen abzubauen oder nicht nachzubesetzen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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