Liberalismus gefährdet die Gesundheit! Weg und Irrwege der Selbstmedikation.

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In Zeiten des allumfassenden Dr. Google steigt die Neigung der Menschen zur Selbstmedikation und Selbsttherapie. Das kann ins Auge gehen. Nunmehr sind Säureblocker (Protonenpumpenhemmer) nicht mehr verschreibungspflichtig. Etwa 40 Prozent der Österreicher nehmen PPIs ein, mehr oder weniger hemmungslos und unkontrolliert. So wird „Schutz“ zur Gefährdung, wie eine kürzlich erschienene Studie der MedUni Wien beweist. Was die Apotheker und die Pharmaindustrie freut und möglicherweise schon eine Art von Lifestyle Konsum ist, kann schädlich sein.

Aus diesem Grund sind wir Ärzte auch gegen zu großen Liberalismus in der Einnahme von Medikamenten und gegen Freigabe bestimmter Mittel. Säurehemmende Medikamente sind heute zum Usus – um nicht zu sagen Abusus – geworden. Man nimmt sie ein wie eine Art von Schutzlebensmittel. Selbst bei gängigem Sodbrennen oder aus scheinbarer Vorsorge davor.

Magensäureblocker können natürlich sehr wohl zu gefährlichen Allergien führen. Deshalb gibt es ja Ärzte- und Verschreibungspflicht. Bestimmte Medikamente sollten nur kurz eingenommen  und dann wieder abgesetzt werden.

Ein zweites Beispiel, das kürzlich für Diskussion sorgte: Vertreter des Roten Kreuzes beklagten sich, dass die Zahl der Blutspender zurückgehen – weil es immer weniger Ärzte gäbe, die Zeit hätten, bei Blutspende-Aktionen anwesend zu sein. Man will deshalb eine gesetzliche Änderung erreichen. Blutspendenaktionen ohne Ärzte, ausschließlich mit Pflegefachkräften.

Die Wahrheit ist: solange das Gesetz eine Untersuchung vorschlägt kann diese nur durch Ärzte erfolgen. Wenn man keine Untersuchung benötigt, ist auch kein Arzt erforderlich. Die Verantwortlichen möchten aber eine Untersuchung und diese durch nicht entsprechend ausgebildete Kräfte.

Ein Vertreter des Roten Kreuzes meinte im Radio, Ärzte sollen sich primär um kranke Menschen kümmern und nicht um gesunde. Das ist bitte ein fatales Missverständnis. Oberste Aufgabe des Arztes – sowie der gesamten Gesundheitsversorgung – ist, Menschen solange wie möglich gesund zu erhalten. Wir gehen generell vom gesunden Menschen aus, und nicht vom Kranken. Deshalb fordern wir auch Prävention, Gesundenuntersuchung, Gesundheitserziehung  und Begleitung durch den Hausarzt.. Ärzte sind nicht nur Interventionisten und Heiler. Sie sind vor allem Fachleute für die Erhaltung von Gesundheit.

Und eine vernünftige Regulierung und Kompetenzuzweisung. Ärzte sind Fachleute, die Jahre lang studiert haben, Kompetenz haben und sich auch permanent mit neuen Entwicklungen auseinandersetzen müssen. Beispielsweise bei Medikamenten und deren Nebenwirkungen.

Deregulierung ja, aber nicht Liberalismus und Laissez Faire.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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