Wer soll unser Gesundheitssystem finanzieren? Alles aus einer Hand und damit abhängig vom Staat ? Droht dann das Ende der Sozialversicherung?

915 total views, 5 views today

Wie steht es um die Kosten des österreichischen Gesundheitssystems? Wir geben in Summe 10,3% des Bruttoinlandsproduktes für Gesundheit aus. Die Ausgaben waren über die vergangenen Jahre relativ konstant. Sie sind nicht, wie manche suggerieren, explodiert. Und das bei einer stark wachsenden und gleichzeitig älter werdenden Bevölkerung und ständiger Innovationen in der Medizin. Der öffentliche Anteil liegt bei 8% des BIP.

Wie sieht es mit vergleichbaren Ländern aus? Deutschland gibt um 1% mehr für Gesundheit aus und die Schweiz gar 2% mehr. Verglichen damit würde das Mehrausgaben in Österreich von 4 bzw. 8 Mrd. Euro pro Jahr rechtfertigen. In diesen Kosten sind auch Ausgaben für die Pflege eingerechnet.

Wir geben also nicht mehr, sondern weniger für unser Gesundheitssystem aus als vergleichbare Länder. Die Finanzierungsströme seien unübersichtlich, die Reibungsverluste im System zu hoch, kritisieren selbsternannte Experten.

Tatsächlich haben wir ein Nebeneinander von Finanzierung der Spitäler durch Bund, Länder und Sozialversicherung sowie die Finanzierung der Kassenordination durch die Sozialversicherung.

Die Sozialversicherung versucht durch Verknappung der Kassenstellen die Kosten zu reduzieren, während die Spitäler ambulante Leistungen auslagern wollen. Das kann dazu führen, dass die Patienten hin und hergeschickt werden, ohne zeitgerecht die richtige Behandlung zu erhalten. Die Folge sind Unterversorgung und steigende Wartezeiten sowohl auf Termine in Ordinationen als auch in Ambulanzen. Ein zu Recht kritisierter Zustand.

Man hofft, dass bei einer Finanzierung aus einer Hand Länder und Versicherungen an einem Strang ziehen würden. Das wäre auch heute bereits möglich. Niemand verbietet den Ländern und Versicherungen im Interesse der Patienten zusammenzuarbeiten.

Es gibt Zielsteuerungsprojekte, die man gemeinsam beschließt und finanziert. Einige dieser Projekte werden erfolgreich, z. B. in Wien umgesetzt.

Eine „echte“ Finanzierung aus einer Hand würde entweder bedeuten, dass die Länder und der Bund ihre Kompetenzen zugunsten der Sozialversicherung aufgeben müssten. Das ist unrealistisch. Andererseits würden die Sozialversicherungen ihre Kompetenzen zugunsten der Bundesländer verlieren oder gänzlich auflösen.

Das österreichische Sozialversicherungssystem hat sich aber prinzipiell bewährt. Es sichert zumindest einen Großteil der Finanzierung des solidarischen Gesundheitssystems unabhängig von der Befindlichkeit der Politik ab. Und das ist notwendig.

Dieses Mischsystem hat durchaus Vorteile.

Allerdings sollten Sozialversicherungen und Länder besser zusammenarbeiten. Das Hauptproblem sind die Herausforderungen durch eine wachsende Gesamtbevölkerung und immer mehr alte, kranke und pflegebedürftige Menschen.

Spät, aber doch hat die Politik das Thema und die Schwierigkeit der Pflege betagter Menschen erkannt. Menschen wollen sich, wenn irgendwie möglich, lieber zu Hause als in einer Einrichtung pflegen lassen. Das kostet viel Geld. Derzeit kommen viele niedrig bezahlte PflegerInnen aus dem Ostblock. Doch die Löhne werden dort auch steigen und damit die Leistungen verteuern.

Wir werden künftig mehr für Vorsorge, Gesundheit und Pflege ausgeben müssen als bisher. Wenn wir uns mit Deutschland und der Schweiz vergleichen ,ist dies auch finanzierbar und gerecht. Menschen, die ein Leben lang Steuern und Sozialversicherung bezahlt haben, haben unser Land aufgebaut, haben ein Anrecht ,bei Krankheit oder im Pflegefall gut versorgt zu werden. Das muss finanziert werden. Deshalb meine Forderung, die Ausgaben für Gesundheit nicht zu reduzieren, zu deckeln oder beschränken, sondern an die Erfordernisse anzupassen. Im Interesse der Menschen, die eine gute Versorgung verdienen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen