Spitals- und Gesundheitsausgaben steigen. Na und? Steigende Patientenzahlen, steigende Versorgungsqualität, steigende Dienstleitungen: Steigende Ausgaben sind logisch.

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Wenn ein Schraubenhersteller statt 1 Million Schrauben 2 Millionen produziert, sinkt der Preis pro Schraube. Weil die Produktion automatisiert ist. Wenn hingegen statt 100.000 Star-Operationen pro Jahr 200.000 durchgeführt werden, erhöhen sich die Kosten um das Zweifache vielleicht sogar zweieinhalbfache: weil die Lasermethoden immer besser, präziser und damit auch teurer werden, weil bei älteren Patienten die Regeneration länger dauert. Es gibt viele Gründe. Krankheit und Genesungszeit sind nicht planbar. Und vor allem: es benötigt dazu individuelle Leistungen, seitens des Arztes und der Pflegefachkräfte.

Das ist der Unterschied zwischen ertragsorientierter Produktionswirtschaft und Wohlbefinden orientierter Gesundheitsversorgung. Wohlbefinden gibt es nicht gratis.

Deshalb ist es schlichtweg Nonsens, ständig Vergleiche zwischen Wirtschaftswachstum und Gesundheitsausgaben anzustellen. Wenn sich die Zahl der über 80-jährigen langfristig verdoppelt, dann steigen die Gesundheits- und Pflegeaufwendungen anteilig um das Vielfache Erfahrungsgemäß fallen in den letzten Lebensjahren die höchsten Kosten an. Was auch logisch ist.

Steigende Gesundheitsausgaben bedeuten ja nicht Geldverschwendung, sondern: Ausgaben für mehr Personal und damit für mehr qualifizierte Arbeitsplätze, Dynamisierung der Volkswirtschaft und Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Deswegen nennen wir uns ja Wohlfahrtsstaat.

Im Übrigen: am stärksten steigen die Gesundheitsausgaben in den USA. Mit dem Unterschied, dass die Leute zum Großteil selbst dafür bezahlen müssen. Und ihre letzten Ersparnisse opfern, wenn sie etwa eine neue Herzklappe bekommen müssen.

Ausgaben für Gesundheit müssen eines sein: effizient und heilsam. Man sollte also nicht über sparen reden, sondern über mehr Effizienz: zum Beispiel die Verlagerung von Leistungen aus dem muralen in den extramuralen Bereich, von mehr Vorsorge und Aufklärung, von einer besseren Lenkung der Patientenströme und sinnvoller vorausblickender Personalplanung und Ausbildungsplanung. Dann steigen die Ausgaben für die Gesundheit auch, aber das System wird noch besser und  engmaschiger. Derzeit laufen wir Gefahr, dass das System zu weitmaschig wird. Und viele durchfallen.

Apropos Versorgungsqualität: Seien wir doch stolz, dass Österreichs Ärzte einen herausragenden Ruf genießen, dass die Unis und die Universitätskliniken on top in Europa sind.

Wenn unsere IT-Infrastruktur ähnlich gut wäre wie die Qualität unserer Spitzenmedizin, wären wir IT Europameister. So sind wir unter ferner liefen.

Vielleicht sollte man stärker solche Vergleiche anstellen, anstatt ständig Kostenpanik zu verbreiten.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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