100 Prozent Kostenersatz für Wahlarztbesuche? Die Sozialversicherungen sind gefragt!

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Kürzlich machten die NEOS den Vorschlag: Wenn ein Kassenarzt keinen Termin frei hat, oder die Wartezeiten ein bestimmtes Limit überschreiten, sollte jeder Patient zum Wahlarzt gehen können -und 100 Prozent der Kosten rückerstattet erhalten. Denn, so die Logik der NEOS, dies sei ein Versagen der Sozialversicherungen, wenn sie nicht genügend Kassenarztstellen zur Verfügung stellen könnten. Ein Vorschlag, der zumindest diskutabel ist.

Schon heute ordinieren in vielen ländlichen Regionen nur noch Wahlärzte – weil sich keine Interessenten für eine Kassenarztstelle finden, oder keine attraktive Stelle ausgeschrieben wird. Das heißt: Wahlärzte sind eine sinnhafte und wohl auch dringend notwendige Ergänzung in der Gesundheitsversorgung.

In Wien wollte der Gesundheitsstadtrat den umgekehrten Weg gehen: Wahlärzte sollen gezwungen werden, Kassenstellen anzunehmen. Abgesehen davon, dass dies rechtlich auf wackligen Beinen steht, ist es ein Eingriff in die Autonomie der Freien Berufe und trägt sicherlich nicht dazu bei, die Asynchronitäten zwischen ambulanter Spitalbehandlung und Haus- oder Facharztbesuch abzubauen.

Letztendlich haben diejenigen den Weg zur Mehrklassenmedizin geöffnet, die dauernd von Einsparungen, Postenreduktionen und sonstigen Rationalisierungen und Relationierung geredet haben. Das Dilemma mit dem Ärztemangel, vor allem bei Allgemeinmedizinern und bestimmten Fächern ist ja nichts Neues. Die dynamische Bevölkerungsentwicklung der vergangenen Jahre war auch keine Überraschung.

Jetzt aber den Ärzten den schwarzen Peter zuzuschieben ist fatal. Und wird Widerstand hervorrufen.

Man kann ohne weiteres über den Vorschlag der NEOS diskutieren – er ist zumindest einer, der kurzfristige Versorgungslücken abdecken könnte.

An einer Gesamtreform kommen wir ohnehin nicht vorbei. Sonst crasht unser System oder wird so dünn, dass die Zweiklassengesellschaft noch stärker ausgeweitet wird.

Die Leidtragenden sind gerade diejenigen, die das System schützen wollen. Denn über allem gilt: der niederschwellige Zugang zu Spitzenmedizin für alle. Das ist oberste Pflicht jeder Regierung.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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