Mehr Ärzte, die auch bleiben. Das brauchen wir. Und nicht mehr Studienplätze!

1,085 total views, 10 views today

40 Prozent der Med-Uni-Absolventen gehen entweder ins Ausland, ergreifen andere Berufe oder kehren in ihre ursprüngliche Heimat zurück. 1.700 Studienplätze gibt es, das ist genug. Die Frage ist viel eher zu stellen: Was können wir tun, um die Absolventen an Österreich zu binden?

Offensichtlich sind andere Länder interessanter: höhere Bezahlung, raschere Ausbildung zum Facharzt, besseres Arbeitsumfeld, höhere Wertschätzung oder bessere Karrierechancen. Österreich ist als „Standort“ offensichtlich wenig attraktiv. Und in Österreich selbst hat sich – fußballtechnisch gesprochen – ein regelrechter Transfermarkt herausgebildet. Krankenhäuser werben Ärzte an und ab.

In Deutschland gibt es – in einigen Bundesländern und gemeinsam mit den fachärztlichen Vereinigungen und Sozialversicherungen – Modelle, wonach Studierende ein Stipendium und später Prämien bis zu 100.000 Euro erhalten, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium im Bundesland zu bleiben und als niedergelassene Ärzte in ländlichen Regionen tätig zu werden – zumindest für vier Jahre. Noch gibt es keine Evaluierung, aber das Angebot erscheint zumindest reizvoll. Zusätzlich fällt der Numerus Clausus weg, bei ausgewählten Privatuniversitäten.

Wenn man in Österreich nunmehr eine Verdoppelung der Studienplätze verlangt dann ist das Problem des Ärztemangels noch lange nicht behoben. Abgesehen davon – finge die Erhöhung der Studienplätze schon nächstes Jahr an- würde es zumindest 10 Jahre dauern, bis sich Erfolge zeigen. Das  löst schon gar kein akutes Problem und würde zudem eher dazu führen, dass noch mehr ausländische Studierende sich hier ausbilden ließen – ohne Garantie, dass sie auch bleiben.

Wichtig hingegen wäre es, endlich die lang versprochenen Reformen durchzuführen: den Hausarzt wirklich aufwerten, das Honorarsystem umzustellen, sodass auch ärztliche Erstgespräche und versorgende Maßnahmen honoriert werden. Es müsste Investitionszuschüsse für IT- und Praxisgruppengründungen geben. Und vor allem flexiblere Systeme, die Teilzeitbeschäftigung und Switchen vom muralen zum extramuralen Bereich erleichtern.

Vor allem müsste den Bedürfnissen der Generation Y Rechnung getragen werden, die stärker auf Life-Work-Balance ausgerichtet sind. Und der Tatsache ,dass die Mehrzahl der Ärzte bald weiblich sein wird.

Und es muss mehr für Aus- und Weiterbildung getan werden: bezahlte Weiterbildung für Krankenhausärzte, klare Leistungsbeschreibungen für Spitäler und Anforderungsprofile für die Turnusausbildung.

Derzeit läuft vieles schief. Dass wir einen Ärztemangel haben, der sich noch verschärfen wird, wissen wir seit mehr als einem Jahrzehnt. Und dass die Rahmenbedingungen für ärztliches Arbeiten deutlich besser werden müssen, wissen wir auch.

Stattdessen aber wird gespart, werden Gesundheitsausgaben an das BIP-Wachstum gekoppelt, als ob das Eine etwas mit dem Anderen zu tun hätte, werden österreichweit Planposten gestrichen oder nicht nachbesetzt.

Und vor allem, Vorsorge wird sträflich vernachlässigt. Alle reden zwar vom Allgemeinmediziner als Gatekeeper, wenn es aber um faire Abgeltung der Leistungen geht, wird die Brieftasche zugemacht. Dann schafft man lieber – beispielsweise – die Schulärzte ab, anstatt das Schularztsystem auszubauen und auch Geld dafür in die Hand zu nehmen. Ähnliches gilt im Übrigen auch für die Gesundenuntersuchung, die längst schon ausgeweitet werden müsste.

Deshalb: Nicht von doppelt so vielen Studienplätzen sprechen, sondern darauf achten, dass die Rahmenbedingungen doppelt so gut werden. Dann brauchen wir uns wenig Sorgen um genügend Ärzte machen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen