Gesundheit ist keine Wahlkampf-Plattform der Plattitüden! Appell an die Parteien: Gesundheitspolitik braucht Konsens und Langfristigkeit.

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Wahlzeit ist. Und so ziemlich alle Parteien entdecken plötzlich das Thema Gesundheit und Pflege für sich: teilweise mit Argumenten, die schon Jahrzehnte alt sind, teilweise mit Standpunkten, die man vor ein paar Jahren noch vehement abgelehnt hätte. Eine Bitte: Gesundheits- und Gesundheitsversorgung sind kein Spielball der Profitierungsstrategie.

Die Forderungen, die heute gestellt werden, hätte man vor Jahren schon erfüllen können – und zwar quer über die Parteigrenzen

Gesundheit ist weder links noch rechts, noch ideologisch, noch einfach ein Wert, den es zu erhalten, zu fördern und zu stärken gilt.

Der Ärztemangel ist seit einem Jahrzehnt absehbar, rein statistisch gesehen. Die Patientenzahlen sind gestiegen – auch das geschah nicht unerwartet, wenn man die steigende Lebenserwartung betrachtet.

Dass die Gesundheitskosten steigen müssen – und zwar unabhängig vom BIP – ist einsichtig: Menschen leben länger, Medikamente kommen neu – und verbessert – auf den Markt und kosten dementsprechend, die Medizintechnik hat riesige Fortschritte erzielt. Dahinter stecken Milliarden Euro für Forschung, Entwicklung und Praxiserprobung.

Die ländlichen Regionen werden ausgedünnt – auch das ist seit Jahren absehbar. Und seit Jahren werden die Infrastrukturinvestitionen im ländlichen Raum heruntergefahren. Das beginnt bei den Öffis und endet bei der Aushöhlung der sozialen Netze.

Das alles sind zudem keine österreichspezifischen Probleme, ähnliche Herausforderungen gelten für nahezu alle wohlhabende OECD-Länder.

Statt mit Stolz unser gutes Sozialsystem zu verteidigen und es laufend an die Anforderungen der Realität anzupassen, wird ständig an Organisationsformen herumgeschraubt. Die Reform der Sozialversicherungen hat – bislang zunächst – lediglich zu einer Umsetzung von leitenden Gremien und zu Parallelismen geführt. Inhaltlich ist kaum etwas geschehen. Im Gegenteil. Zunächst wollte man die Unfallversicherung auflösen, macht dann aber einen Rückzieher auch auf Grund von Protesten der Ärzteschaft, . Jetzt will man sie sogar“ aufwerten“ – oder neu ausschlachten: für eine mögliche Pflegeversicherung. Ob das möglich ist, lässt sich schwer abschätzen.

Was wäre, wenn sich die Parteien – ausnahmsweise – zusammensetzen, ihre besten Experten einsetzen und gemeinsam ein langfristiges, aber jederzeit anpassungsfähiges integriertes Gesundheitsversorgungsmodell beschließen: eines, das Prävention ebenso wie Pflege und Rehabilitation einschließt, Gesundheitserziehung- und Information inkludiert und darüber hinaus, das was zu den klassischen Aufgaben zählt – Medikation, Intervention, akute Versorgung etc.

Wir Ärzte würden alles dazu beitragen, um konstruktiv mitzuarbeiten.

Und vielleicht kommt die Politik irgendwann einmal drauf ,dass Gesundheitsversorgung kein Kostenfaktor ist, sondern Investition. Gesundheitsversorgung trägt maßgeblich zur Konjunktur und wirtschaftlichen Erstschöpfung bei, schafft qualifizierte Arbeitskräfte und ist – ohne dass wir das zynisch meinen – krisenfest. Die Wirtschaft und die globalen Konzerne haben das bereits erkannt. Man sollte ihnen nicht die Steuerung der Gesundheitspolitik überlassen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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