Der Aufschrei der deutschen Ärzte 215 Ärzte und 30 Organisation fordern: „Rettet die Medizin“.

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Der Aufschrei der deutschen Ärzte ist gewaltig – und bald könnte es auch in Österreich ein solchen geben. Nämlich, wenn sich nichts Fundamentales ändert. Vor allem bei Personal und Mitteln für die Gesundversorgung und -prävention. „Gegen das Diktat der Ökonomie“ ist einer der Slogans und die Kernforderung heißt: „Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet bleibt.“

Eigentlich sollte so eine Forderung gelebte Realität sein. In reichen Staaten wie Deutschland und auch Österreich auf jeden Fall. Die deutschen Ärzte gehen in ihrer Kritik noch  weiter und stellen sich gegen Sparen und Ökonomismus in der Gesundheitspolitik: „Die Führung einer Klinik gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten.“ Das ist ein Schuss gegen die herrschende Struktur. In den meisten Kliniken in Deutschland sind die kaufmännischen Direktoren den ärztlichen Leitern übergeordnet. Ökonomie geht vor Medizin und Patientenwohl.

In Deutschland gibt es die sogenannten „Fallpauschalen“. Krankenhäuser werden nach der Höhe der behandelten Fälle bezahlt, wobei es für jeden Fall unterschiedliche Kostensätze gibt. In der Regel gibt es für konservative Behandlungen weniger als etwa für einen chirurgischen Eingriff. Und das beeinflusst die  Therapieentscheidung, die sehr oft „angeordnet“ wird-aus ökonomischen Gründen. Und nicht nach den effektiven Leistungen für die Patienten. Die Fallpauschalen wiederum sind genormt – und nehmen nicht darauf Rücksicht, wie teuer und langwierig eine Therapie ist. Also wird jenes priorisiert, was man raschesten erledigt ist. Sodass viele Menschen entweder keine nachhaltige Therapie verordnet erhalten oder zu rasch aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Die konkrete Forderung stellt die Initiative „Rettet die Medizin“:

  • Ersatzlose Streichung oder nachhaltige Reform der Fallpauschalen.
  • Keine ökonomisch gesteuerte Überversorgung oder Unterversorgung der Patienten.
  • Bessere Planung der Krankenhäuser und deutlich bessere Ausstattung: nicht nur mit Technik und Infrastruktur, sondern vor allem mit Personal.

Dasselbe könnten – trotz unterschiedlicher Systeme – auch alle österreichischen Ärzte unterschreiben. Gleich wie unsere deutschen Kollegen sind wir der Meinung, dass es zu wenige Ärzte gibt, zu wenige Pflegefachkräfte, die noch dazu nicht adäquat eingesetzt werden. Es gibt zu wenig qualifizierten Nachwuchs und es wird zu wenig in die Ausbildung investiert.

Der eigentliche Skandal aber ist, dass Gesundheitsversorgung zunehmend als ökonomisches Faktum diskutiert wird: Sparen wo es geht, und zwar mit der Rasenmäher Methode. Das gilt nicht nur für Krankenhausärzte und Krankenhäuser, das gilt auch für den niedergelassenen Bereich: Die Honorare, insbesondere für Kassenärzte im allgemeinmedizinischen Bereich oder bei Kinderärzten sind lächerlich gering.

Wenn in Österreich von einer Partei gefordert wird, dass die Wartezeiten gesetzlich geregelt werden, dann ist das richtig, aber ein Widerspruch zu der Realität. Kurze Wartezeiten – 2 Tage bei Allgemeinmedizinern, 2 Wochen bei Fachärzten, 90 Tage bei angeordneten Operationen – sind nur dann möglich, wenn es zumindest 1.300 bis 1.500 mehr an Kassenärzten gibt und die Krankenhäuser deutlich aufgerüstet werden.

Getan aber wird das Gegenteil.Gekürzt. Ebenso wie an der in sich nicht sinnhaften Koppelung der Gesundheitsausgaben an das BIP. Das ist absurd und zeigt vom falschen Verständnis von integrierter Gesundheitsvorsorge und Pflegepolitik.

Es kann durchaus sein, dass demnächst auch ein Aufschrei der österreichischen Ärzte erfolgt. Und es wird kein bloßer Theaterdonner sein.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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