Massenkrankheiten Demenz und Parkinson? Und eine Verneigung vor den pflegenden Angehörigen.

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130.000 Demenzkranke gibt es aktuell in Österreich. Zumindest 250.000 werden es im Jahre 2050 sein. Etwa 1 Million Österreicherinnen und Österreicher pflegen ihre Angehörigen, Partner, Eltern. Werden es im Jahre 2050 ebenfalls noch so viele sein? Es steht zu befürchten: Rein aus demografischen Gründen und wegen der sukzessiven Erosion der klassischen Familie. Wer wird dann pflegen? Und werden Demenzkranke adäquat zu anderen Pflegefällen eingestuft? Derzeit sind sie benachteiligt, dass die Pflegestufe betrifft.

Ausgerechnet Freitag, dem 13. ist der Tag der pflegenden Angehörigen. Ohne sie, die zum Großteil unentgeltlich und in Doppelbelastung tätig sind, wäre Altenpflege in Österreich undenkbar. Das kann man gar nicht laut genug sagen. Ihnen gebührt nicht nur Dank, sondern auch Wertschätzung: materiell und immateriell. Schon lange gibt es die Forderung, dass pflegende Angehörige – zum Großteil Frauen – entweder geldwerte Leistungen erhalten sollen oder zumindest, dass ihnen die Zeit der Pflege sozialversicherungstechnisch angerechnet wird.

Und eines sollte man nicht vergessen: Unter der Million pflegender Angehörigen befinden sich weit über 100.000 Jugendliche, und teilweise Kinder. Sie stehen vor doppelten physischen und psychischen Herausforderungen.

Aber die Kernfrage bleibt: Wie gehen wir mit der wachsenden Anzahl von Demenzkranken – mittlerweile verdoppeln und verdreifachen sich auch die Fälle von Parkinson – um? Es gibt weder einen Demenzplan noch Modelle, wie etwa in den Niederlanden oder in Skandinavien, wo man inklusive Ressorts geschaffen hat. Gewissermaßen betreute Dörfer und Wohngemeinschaften für Demente.

250.000 Demenzkranke bedeutet, dass zumindest 700.000 Angehörige oder Freunde davon betroffen sind, die großteils  nicht wissen, wie man mit dementen Menschen umgeht. In Einkaufszentren, an den Haltestellen von Straßenbahnen häufen sich die Vorfälle, wo zumeist ältere Menschen herumirren und nicht wissen wer sie sind und wohin sie möchten. Was tut die Öffentlichkeit mit diesen Menschen?

Mittlerweile gibt es Versuchsmodelle in Deutschland mit internetgesteuerter Fernüberwachung: Herdplatten die automatisch abgeschaltet werden, wenn sie irrtümlich aufgedreht werden, Übertragung der Herzfrequenzen und Bewegungsabläufe der Menschen an eine Rettungszentrale signalisieren ,wann es Zeit ist einzugreifen.

Demenz ist ein schleichender Prozess, der von den Angehörigen oft sehr spät erkannt wird. Aus Gründen der Scham werden notwendige Arztbesuche und neurologische Untersuchungen gemieden oder immer wieder aufgeschoben.

Derzeit haben weder Gesundheitssystem noch Pflegesystem auf diese Herausforderungen mit klaren Konzepten und Plänen reagiert. Demenzkranke erhalten beschämend wenig pflege, koordinierte Alltagshilfen gibt es so gut wie gar nicht.

Wir sollen, gerade am Tag der pflegenden Angehörigen daran denken und Lösungen entwickeln. Sonst stauen sich gewaltige soziale und gesellschaftliche Probleme auf.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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