Einsamkeit versus Dr. Google? 5 von 10 Menschen haben niemanden, der ihnen in Notfällen hilft.

975 total views, 5 views today

Die Einsamkeit in der Massengesellschaft nimmt zu, Misstrauen steigt. 5von 10 Personen wüssten im Notfall niemanden, an den sie sich wenden könnten. Auf der anderen Seite geben 49 Prozent der Bevölkerung an, dass sie schon einmal Dr. Google gefragt haben, wenn sie sich nicht wohl fühlten. Das Web als Ersatz für Einsamkeit und fehlendes Vertrauen? Vor allem aber ein Zeichen, wie wichtig der Hausarzt in der Gesundheitsversorgung als Ansprechpartner, als Vertrauensperson und als Ratgeber ist.

Etwa 50 bis 60 Prozent jener Fälle, die in Krankenhausambulanzen behandelt werden, könnten durch den Praktischen Arzt schneller und bequemer gelöst werden. Wenn es genügend Hausärzte gäbe und die wohnortnahe Erstversorgung funktionieren würde – auch an Tagesrandzeiten und am Wochenende. Das ist derzeit Wunschdenken.

Denn es fehlt Personal an allen Ecken und Enden. Die Situation wird sich in Zukunft auch nicht verbessern, im Gegenteil: die Pensionierungswelle wird dazu führen, dass weitere Ordinationen schließen und nicht nachbesetzt werden.

Die Kehrseite der Medaille: Die Neigung zur Selbstdiagnose steigt, immer mehr Menschen wenden sich teilweise obskuren Gesundheitsplattformen zu, oder bestellen autonom – ebenfalls über dubiose Quellen – Medikamente. Scharlatanerie nimmt zu.

Einsamkeit – und das bei einer alternden Bevölkerung – ist nicht nur ein gesellschaftliches und soziales Thema, sondern auch ein gesundheitliches. Wer einsam ist, wird häufiger depressiv, die Gefahr an Krebs zu erkranken steigt, ebenso die Gefahr von Schlaganfällen und Herzinfarkten.

Gesundheitspolitik muss viel stärker zu den Wurzeln zurück, zu dem was man Wohlbefinden nennt. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern der optimistische Umgang damit. Und Gesundheit hängt stark von vertrauensvollen Beziehungen ab.

Deshalb ist der Hausarzt – jenseits aller medizintechnischen und pharmakologischen Errungenschaften der letzten Jahre – die zentrale Figur und muss gestärkt werden. Man muss Hausärzte besser bezahlen, man muss es vor allem für Studenten attraktiver machen, sich für den Beruf des Allgemeinmediziners zu entscheiden. Gleichzeitig muss man den Hausarzt entlasten: bürokratisch, administrativ, im Management. Es muss Möglichkeit geben, Ordinationen zu teilen. Gerade bei einer jungen, zunehmend weiblichen Ärztegeneration, die eigene Lebenskonzepte und Bedürfnisse nicht hintenanstellen wollen.

Das bedeutet Umdenken. Und vor allen: den Gesundheitsbegriff neu definieren. Weg von der Krankheitspriorität und der Intervention. Hin zur Gesundheitserhaltung. Denn: grundsätzlich sind Menschen gesund und nicht krank.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen