Mehr Ärzte brauchen wir. Aber nicht mehr Studierende. Kein Populismus bitte.

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Da wird von einer Verdoppelung der Medizinstudienplätze geredet, als ob das irgendein Problem lösen könnte. Tatsache ist, dass Österreich genügend Mediziner und Ärzte ausbildet, ebenso wie Tatsache ist, dass lediglich 6 von 10 Absolventen in Österreich bleiben und arbeiten. Tendenz ins Ausland: steigend.

Was in Österreich herrscht, sind zwei Asynchronitäten: einerseits der Abgang von vielen Absolventen ins Ausland oder die Abwanderung in andere lukrative Berufe. Und anderseits die zunehmende Scheu, den Beruf des Allgemeinmediziners zu ergreifen oder Kassenarztstellen anzunehmen, da sie nicht lukrativ sind. Das führt zu einem steigenden Angebot an Wahlärzten, zum Rückgang bei Kassenärzten und zu einem hartumkämpften Markt bei Krankenhausärzten – wer am besten ausbildet, bezahlt und die besten Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, kommt zum Zug. Das ist für viele Ärzte zum Beispiel ein Grund, keinen Job in einem KAV-Krankenhaus anzunehmen, oder von dort wegzugehen, wie die jüngsten Erfahrungen zeigen.

Hier liegt das Dilemma, nicht bei den Studienplätzen und Universitäten. Das haben zurecht auch die Rektoren der Medunis ohnehin richtiggestellt.

Wer nachhaltig Gesundheitspolitik machen will, muss an mehreren Rädern drehen: attraktive Bedingungen für Ärzte in Krankenhäusern schaffen – in Österreich sind die meisten Betreiber entweder die Länder oder Kommunen, zum Teil auch Orden – die Kassenverträge gerecht gestalten und die Honorare erhöhen und die Flexibilität und Vernetzung von muralem und extramuralem Bereich verbessern.

Dafür braucht es eine klare zentrale Gesetzgebung mit möglichst viel Spielraum für die einzelnen Regionen. Denn gerade bei Kassenstellen wissen lokale Experten wesentlich besser was benötigt wird, als zentrale Koordinatoren. Was aber sinnvoll ist:ein einheitliches Krankenhausgesetz und eine klare Leistungsbeschreibung für jedes Krankenhaus, um einerseits Doppelgleisigkeiten und andererseits Unterbesetzungen zu verhindern.

Wer noch glaubt, durch mehr Studienplätze auch mehr Ärzte für Österreich zu gewinnen irrt – abgesehen von den Kosten für die Studienplätze, die großteils fehlinvestiert wären. Und wer glaubt, man könne Wahlärzte zwingen, Kassenverträge anzunehmen, irrt ebenso und bewegt sich zudem am Rande des gesetzlich Legalen. Dasselbe gilt für diejenigen, die fordern, dass den Wahlärzten die Vergütung aus der Krankenkasse gestrichen oder gekürzt werden, sehen die Realität falsch.

Und wer glaubt, heute mit mehr Studienplätzen den Ärztemangel zu beheben, macht einen weiteren Denkfehler: es dauert nämlich zehn Jahre und mehr, bis ein Studierender, der heute beginnt, ausgebildeter Facharzt sein kann. Der Ärztemangel ist aber aktuell da – ebenso wie der Pflegefachkräftemangel. Und er wird sich verschärfen, wenn die Babyboomer in Pension gehen und noch mehr Ärzte aus den öffentlichen Krankenhäusern abgeworben werden.

Deshalb: rasch mehr Geld, rasche Erleichterung für die Mangelfächer (Allgemeinmediziner, Kinderärzte, Dermatologen, Psychiater etc.). Flexibilisierung bei den Gruppenpraxen und endlich jene öffentliche Wertschätzung, die den Mitarbeitern im Gesundheitssystem mehr als zusteht. Und das bitte öffentlich und lauthals.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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