Sind Ärzte lediglich Nummern? Über Computerfehler und ein System der Nicht-Wertschätzung.

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Verschubmasse Arzt und andere medizinische Berufe? Von einem Krankenhaus zum anderen, von einem Dienstrad zum anderen. Und nebenbei vergisst – oder verdrängt man – die dafür zustehenden Gebühren und Gehaltszuschläge zu bezahlen. Gewiss ein Einzelfall.  Aber gleichzeitig ein Symptom für ein System. Ein System, das hierarchisch ist, obrigkeitsorientiert ist und nicht weiß, was Wertschätzung ist. Das ist bitter.

Man hat den Eindruck, das System KAV betrachte Ärzte als Dienstleister und Schachfiguren, die man hin und her schieben kann. Es diktieren die Ökonomie und die Organisation der Administration. Das kann man mit Maschinen machen, die man auf Hochleistung trimmt und fernsteuert, sodass sie noch mehr Schrauben oder Nieten oder Sonstiges produzieren. Aber das kann man nicht mit Menschen machen, die kraft Beruf autonom und selbstbestimmt sind, mehr als ein Jahrzehnt in eine Ausbildung investiert haben und im Schnitt 30 bis 40 Prozent länger arbeiten als durchschnittliche Arbeitnehmer.

Diese Menschen will man nicht nur autokratisch hin und her schieben, man bezahlt auch – gemessen an anderen Ländern, die teilweise weniger wohlhabend sind – schlechter. Oder vergisst überhaupt ihnen das zustehende auszuzahlen. Man entschuldigt sich nicht einmal ehrlich und glaubt besonders großzügig zu sein, wenn man verlauten lässt, dass die ausstehenden Zahlungen „auf jeden Fall noch in diesem Jahr“ getätigt werden – wir schreiben Anfang Oktober. Sehr großzügig.

Wir reden von einem System, das seit mehreren Jahren schon systematisch Probleme und Fehlleistungen produziert. Spätere und überteuerte Eröffnung des mittlerweile Klinik Floridsdorf heißenden Krankenhauses Nord, konsequentes Nicht nachbesetzen von Planposten, Interimslösungen bei der Besetzung der Unternehmensspitze, rumpfhafte Kommunikation mit den Mitarbeitern.

Man darf sich nicht wundern, dass angesichts eines derartigen Systems Arbeitsklima und Motivation leiden, dass es zu Abwanderungen an andere Krankenhäuser kommt und sich Misstrauen ausbreitet. Dass die aktuelle Gesundheitsversorgung immer noch gut funktioniert, grenzt schon fast an ein Wunder. Und es ist vor allem der Selbstausbeutung und ethischen Größe der Ärzte zu verdanken – und natürlich auch der Pflegekräfte.

Manchmal sind es Kleinigkeiten – scheinbar Kleinigkeiten – wie verschleppte – oder vergessene – Zahlungen.

Nach außen wird schön geredet, obwohl es auffällig ist, wie viele Schlüsselpositionen immer wieder neu besetzt werden, ohne dass Kontinuität einträte. Auffällig ist die Salamitaktik in der Kommunikation: zuerst lautstarke Dementi, Gegenangriffe und dann „zitzerlweises“ Herausrücken mit der Wahrheit – unter Druck der Öffentlichkeit.

Bis heute gibt es kein schlüssiges Personalkonzept, wie man dem Ärztemangel begegnen kann, es gibt kein kohärentes Ausbildungskonzept. Manchmal hat man den Eindruck, als wisse man gar nicht, wo es überall Personalengpässe gibt und wo es Kraft Pensionierungen zu neuen Mangelsituationen kommen wird.

Lieber macht man Nebenfronten auf und betreibt Ärzte-Bashing, verschärft die Hierarchie, verhängt Sprechverbot oder operiert mit Zahlen, die schwer überprüfbar sind.

Was bringt es dem wartenden Patienten, wenn er hört, dass es in Österreich eh genug Ärzte gibt, aber eine falsche und asynchrone Verteilung.

Ich schlage vor: Schließen wir einen Pakt und arbeiten gemeinsam und die aktuellen und kommenden Probleme auf und versuchen ein Wiener Gesundheits- und Vorsorgemodell zu schaffen, das robust und patientenorientiert ist. Noch ist es nicht zu spät.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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