Geht es nicht mehr ohne Zusatzversicherung? Das starke Wachstum bei Privatversicherungen verschärft die Zweiklassenmedizin.

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3,1 Millionen Österreicher sind privat zusatzversichert. Das sind über 60 Prozent der Erwerbstätigen. Tendenz: weiter steigend. Klarstellung: Ich habe nichts gegen private Zusatzkrankenversicherungen, aber sehr wohl etwas gegen Monopole. Und so etwas haben wir in Österreich beinahe schon, absurderweise sind Versicherer und Privatkrankenhausbetreiber in vielen Fällen derselbe, das ist bedenklich.

Ist unser öffentliches Gesundheitssystem schon so lückenhaft, dass es ohne private Zusatzversicherungen nicht mehr geht? Zumindest für die, die es sich leisten können, monatlich Summen die bis zu 500 Euro ausmachen für eine private Zusatzversicherung auszugeben.

Was aber tun diejenigen, die ausschließlich auf das öffentliche Gesundheitssystem angewiesen sind, aber genauso wie alle anderen in die Sozialversicherung einzahlen? Und was machen diejenigen, die zusatzversichert sind, laufend höhere Prämien zahlen müssen, die aus Pensionseinkommen nicht mehr leistbar sind ?. Müssen sie – wiederum beim gleichen Versicherer – ihre Lebensversicherung rückkaufen, um im Krankheitsfall abgesichert zu sein?

Fakt ist, dass die Schere zwischen Zusatzversicherten und nur allgemein versicherten immer weiter auseinanderklafft. Fakt ist, dass aufgrund der Lücken in der gesundheitlichen Gesundheitsversorgung immer mehr Menschen gezwungen sind den Wahlarzt aufzusuchen.

Manchmal hat man den Eindruck, als wäre das den Gesundheitspolitikern – trotzt gegenteiliger Beteuerungen –  gar nicht unrecht. Sie forcieren die Zweiklassenmedizin um in der generellen öffentlichen Versorgung einzusparen. Zum Beispiel bei der Nichtbesetzung von Planposten, bei der Zurückhaltung in der Ausschreibung und Vergabe von Kassenordinationen.

Und es steht zu befürchten, dass bei einer Harmonisierung der Leistungskataloge nach unten und nicht nach oben harmonisiert wird. Auch das bestreitet derzeit jeder. Gleichzeitig wird man rigider bei der Zulassung von Medikamenten auf Krankschein und bald auch bei der Rationierung von „Ersatzleistungen“: so Manche OPs erledigen sich gewissermaßen von selbst: weil die Wartezeiten zu lange sind. In den UK ist dies seit Jahren Praxis. Unausgesprochen.

Ich möchte warnen: nicht vor mehr Zusatzversicherungen, sondern vor einer Asymmetrie in den Leistungen. Und vor allem vor einem Gesundheitsmarktmonopolismus. Es muss möglich sein, dass Menschen weiterhin bestens versorgt sind, auch, wenn sie keine Zusatzversicherungen haben. Und damit meine ich nicht nur das Hotelservice und die privaten „Super-Ambulanzen“.

Es geht um Würde. Und Recht auf Gesundheit.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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